Illustrierte Aeronautische Mitteilungen

Jahrgang 1904 - Heft Nr. 9

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Eine der ersten Zeitschriften, die sich vor mehr als 100 Jahren auf wissenschaftlichem und akademischem Niveau mit der Entwicklung der Luftfahrt bzw. Luftschiffahrt beschäftigt hat, waren die Illustrierten Aeronautischen Mitteilungen, die im Jahre 1897 erstmals erschienen sind. Später ist die Zeitschrift zusätzlich unter dem Titel Deutsche Zeitschrift für Luftschiffahrt herausgegeben worden. Alle Seiten aus den Jahrgängen von 1897 bis 1908 sind mit Fotos und Abbildungen als Volltext in der nachstehenden Form kostenlos verfügbar. Erscheint Ihnen jedoch diese Darstellungsform als unzureichend, insbesondere was die Fotos und Abbildungen betrifft, können Sie alle Jahrgänge als PDF Dokument für eine geringe Gebühr herunterladen. Um komfortabel nach Themen und Begriffen zu recherchieren, nutzen Sie bitte die angebotenen PDF Dokumente. Schauen Sie sich bitte auch die kostenfreie Leseprobe an, um die Qualität der verfügbaren PDF Dokumente zu überprüfen.



^Illustrierte aeronautische Mitteilungen.

VIII. Jahrgang.

->!■ September 1904. *+

9. Heft.

Aeronautik.

Nachdruck verboten.

Die Kunst zu fliegen" in historischer Beleuchtung.

Von Max Leher-Augsburg.

Sine pennia volare hand facilc est.

Plantiia.

Die Geschichte hat uns eine Reihe von Tatsachen überliefert, aus denen hervorgeht, daß man schon in grauester Vorzeit, ja selbst im Paradies daran dachte, sich von den Fesseln des Erdbodens freizumachen und dem Vogel gleich in die Lüfte zu schwingen.

Bei 1. Moses 1, 27 heißt es: Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, und er schuf sie, ein Männlein und ein Fräulein; dann im folgenden Kapitel ist Adam zuerst allein da, und aus seiner Rippe wird Eva gebildet. Es sind hier zwei verschiedene Darstellungen inein-anderverschoben. Die Rabbiner aber erklärten sich die Sache also: Da hatte Adam zuerst eine Frau, namens Lilith; die wollte ihm nicht gehorchen. «Sie seien beide gleich aus Erde geschaffen.» Sie zankte sich mit ihrem Manne, sie wollte nicht unterliegen: sie flog fort in die weite Luft und ward zur Teufelin.

Frau Lilith ist demnach das erste menschliche Wesen, das das Fliegen probierte. Die griechische Geschichte, soweit sie noch in sagenhaftes Dunkel gehüllt ist, wimmelt von derartigen Fällen. Merkur und eine große Anzahl heidnischer Gölter sind beflügelt. Die Geschichte von Dädalus und Ikarus zeigt uns besonders, wie sehr sich die Alten darin gefielen, jede Handlung, jeden Gedanken in poetisches Gewand zu kleiden. Der Dichter,

nach einem Stich von Manslinld.

Vergleiche: Nouveau Manuel Complet d'A< ro^tation <ni Onid© pour servir a 1 Histoirc el a la Pralique dee Ballons par Dupuia-l) elcourt, Ingenieur-At-ronaute. Pari». lt»V). A la Librairi© Encyclopediqu-j de Roret, Rue UauU-fruilk It.

der sich dieses Mythus bemächtigte, wollte damit die Gefahren und Verirrungen der Selbstüberhebung, der Tollkühnheit, des Ehrgeizes schildern. Auch die deutsche Sage weiß von einem Manne mit ehernen Flügeln zu erzählen, von Weland, dem Schmied, dessen Vater Nade gewesen, ein Biese im Lande Schonen, in den nordischen Meeren. Als Weland de? Königs Elberich Sohn erschlagen und die Tochter entehrt halte, da zog dieser mit Heeresmacht den Brennerpali hinunter, um den Schmied zu züchtigen. Doch Weland schmiedete Tag und Nacht und schmiedete zwei große Flügel; die band er sich an und hing sein Schwert Mimung; um und trat auf die Zinne, daß Elberichs Leute riefen: <Seht, der Weland ist ein Vogel worden!> Und der König griff seinen Bogen und alle Ritter spannten in grimmer Eil und schössen die Pfeile nach ihm. Doch Weland hob die Schwingen, kein Eisen traf ihn, und flog heim nach Schonen, auf seines Vaters Schloß und ward nicht mehr gesehen.

Wir verlassen nun den Boden der dichterischen Sage, um uns allmählich der Wirklichkeit zu nähern.

In der Apostelgeschichte 8,9 wird von einem Manne mit Namen Simon aus Samaria berichtet, der das ganze samaritische Volk bezauberte und vorgab, er wäre etwas Großes. Und beide, Klein und Groß sahen auf ihn und sprachen: Der ist die Kraft Gottes, die da groß ist. — Mehr aus Politik wie aus Herzensneigung, wohl aber, da er der Apostel Zeichen und Wunder sah, ward der Zauberer gläubig und ließ sich taufen. Als er Petrus die Verleihung der Wundergabe aber für Geld abkaufen wollte, kam er schlecht weg, da der Apostel sah, daß sein Herz voll bitterei Galle und Ungerechtigkeit sei. Simon soll aber Petrus nicht von der Seite gewichen sein und diesen nach Rom begleitet haben, zur Zeit, als Nero Kaiser war. Vor diesem rühmte sich der Zauberer göttlicher Eigenschaften und erbot sich, dies zu beweisen, indem er vor aller Augen zum Himmel auffahre. Nero, der an dem Mann Gefallen fand, befahl, daß auf dein Campus Martins ein hoher Turm errichtet werde, von dem aus der Zauberer seine Luftreise antreten solle. Ganz Born strömte dorthin zusammen, um Zeuge eines so ungewöhnlichen Schauspiels zu sein. Simon flog wirklich in die Höhe, oder vielmehr «er wurde von den Dämonen entrückt». Aber Sankt Petrus, der zu beten anhub, trieb die bösen Teufel aus, und der arme Simon, der sich durch den Fall Hals und Beine brach, starb nach wenigen Stunden. Dies geschah im 13. .lahre der Regierung Neros. Der Kaiser war darüber sehr erboßt und ließ Petrus ins Gefängnis werfen, weil er ihn eines dem Staate so nützlichen und notwendigen ^Mannes beraubt habe. »)

'/ Codex Apocryphu* Novi Tovtainenti eollovtuü.......al> Johanne Alberto Fahri.cio.

Hamburgi. A. f). 170S.

De. S Pilro Lib. I. Ff-rlur enim Simom-m a Ni<ron« rogasso. ut in Campo Marlio turrim vxcelearn (jeri ^iii'Ti-f; qtio fa> tri asivndil in turrim enram omnilm» et extensis inanibns. roronatus lauro, coepit volar*-l'tcriqiie dii'cbant: Dei hanc cvn> potenliam, non hominis <]iii ita corpore volarrt ad coelum ..... Tunc Ivtrus stau* in roedio. inrpiit: Domine Jrwi, ostundr virtutem tnam. nc ppmiittax his vanis arttbus deeipi

Zu Zeiten des byzantinischen Kaisers Manuel 1. (1143—80) aus dem Hause der Komnenen produzierte sich zu Konstantinopel ein Sarazene als Flugkünstler. Er schwang sich zum hohen Turm des Hyppodroms hinaus, fiel aber so unsanft zur Erde, daß er sofort seinen Geist aufgab. Die Schöße seines ungewöhnlich langen und breiten Gewandes waren auf Weidenruten ausgespannt und sollten ihm als Flügel ein Stützpunkt sein. l)

Ein Tausendkünstler in seiner Art war der englische Mönch Roger Bacon (1214—94), den man den «doctor mirabilis» nannte. In seinem Werke «De secretis artis et naturae operibus» erzählt er, wie von einer längst bekannten Tatsache, «man kann große und kleine Schiffe bauen, welche ohne Ruderer, von einem einzigen Manne gelenkt, auf dem Wasser dahingleiten; man kann Flugmaschinen konstruieren, bei denen ein Mann in der Mitte sitzt oder hängt, wobei er zugleich mittels einer Kurbel Flügel in Bewegung setzt, um mit diesen nach Art der Vögel die Luft zu zerteilen.

Indem er damit umging, eine derartige Flugmaschine zu bauen, wurde er als Zauberer verschrieen und auf 10 Jahre eingekerkert, um dann den Rest seines Lebens theologischen Studien zu weihen.

Im Mittelalter, wo Finsternis über dem Abendlande lag, und Unwissenheit und Aberglaube die Menschen in Fesseln hielt, da schien der menschliche Geist des göttlichen Odems völlig beraubt zu sein. Da dachte niemand daran, sich eine Flugmaschine zu bauen. Wurde doch die Kunst zu fliegen als eine Gabe des Teufels betrachtet, und Tausende von unglücklichen Wesen wurden dem Feuertode überliefert, weil sie als Hexen und Genossinnen des Teufels durch die Lüfte geflogen sein sollten, freilich nicht mit Flügeln, sondern mit einem Besenstiel ausgerüstet.

Erst nach mehr als einem Jahrhundert nach Bacon, da wagte es ein gelehrter Italiener, Giovanni Battista Danti aus Perugia im Kirchenstaat, das Teufelswerk wieder zu beginnen. Denn die Zeiten hatten sich inzwischen gebessert, man stand am Ende des Mittelalters; und wenn auch Danti bei seinem Flugversuch Schiffbruch litt, so erntete er doch den Ruhm eines Künstlers, und seine Zeitgenossen ehrten ihn mit dem Zunamen «Dädalus». «Als eines Tages viele vornehme Herren nach Perugia gekommen waren, zur Hochzeitfeier des Giovanni Paolo Baglioni, und bei des Letzteren Palast turnierten, da ließ sich Danti unvermutet von einem nahestehenden hohen Turm herab, mit einem Räderwerk von Flügeln, die er sich nach Verhältnis der Schwere seines Körpers gemacht hatte. Er kam mit Sausen und Brausen und flog über den Marktplatz, wo eben unzähliges Volk versammelt war. Aber da er kaum 3<K) Schritte geflogen war, brach, bevor er den bestimmten Ort erreichte, ein Haupteisen am linken Flügel, und da er sich mit dem rechten allein nicht mehr zu hallen vermochte, fiel er auf ein Dach der

populum qui (ibl est crcJiturug...... Cum<|ue harr cum lacrimis orasaet, ait: Ailiuro von uiiaholosi in

nomine J. C. qui eum fertis ut nunc damlttatis. El statim ad voccm lYtri demi.i*u-< a dai-monibus, impli-citta reniigii« alarum qua» »umpeerat. corruit: totu* fractus corpore, debilitalis cruritiug, pn*t parvum hnra. mm fpalium cxpiravtt.

1 ■ Cousin, Hixtoiro de ("onst anllnopU»

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Liebfrauenkirche, wo er sich einen Schenkel brach (crus ofTendit)». «Diejenigen (so erzählt Ces. Crispolti in seiner Perugia Augusta 16öHi. welche nicht nur den Flug, sondern auch den Bau der Flügel und deren wunderbare Künstlichkeit sahen, berichteten, Danti habe sich mehrmals im Flug auf das Wasser des Trasimenischen Sees geworfen, um die Art zu lernen, wie er sich nach und nach auf die Erde herablassen könnte. Er war auch wegen anderer mathematischer Kunststücke berühmt und stand bei «Jen Großen Italiens in vorzüglicher Achtung. Baglioni nahm ihn als seinen tlngegnerio» mit in die Lombardei, in die damaligen Kriege. Dort erkrankte er an einem schrecklichen Fieber und seine Seele llog gen Himmel» (dira febri correptus evolavit in coelum). Seine Blütezeit fällt gegen Ende des 16. Jahrhunderts.1)

Wenn wir nunmehr den Namen von Dantis Zeitgenossen, von Leonardo da Vinci \IiiT>2—151 t»i, erwähnen, so liegt es uns ferne, seine

unvergänglichen Verdienste als Maler hervorzuheben. Von unserm Standpunkt aus sind seine physikalischen und mathematischen Studien nicht minder schätzenswert wie seine Gemälde. In der Optik beschrieb er vor Baptista Porta die Camera optica, erklärte das Wesen der farbigen Schatten, den Gebrauch der Iris, die Wirkungen, welche die Dauer des Eindrucks im Auge hervorbringt. In «ler Mechanik kannte er unter anderm die Gesetze der auf einen Hebelarm schief wirkenden Kräfte, den gegenseitigen Widerstand der Hebelarme, die Gesetze der Reibung, den Einfluß des Schwerpunktes auf ruhende und

Leonardo da vinci bewegte Körper. Seine zahlreichen

.-ine... st,.h .]••* seiMpnriräu von r.otu.-hi.-k. Manuskripte, welche mehr als fxmo

Seiten umfassen, sind in Spiegelschrift, d. h. von rechts nach links, geschrieben und mit Zeichnungen versehen, damit der Gedanke mit dem Bilde Hand in Hand gehe. 1(5 Bände seiner Handschriften waren bis zum Jahre 179ti in der Ambrosiana zu Mailand aufbewahrt; in diesem Jahre «transferierte» sie der erste Konsul Napoleon in die «Bibliothek des Instituts». 12 Bände blieben dort nach dem Sturze Napoleons zurück; der Rest befindet sich im Britischen Museum, South KensinjUon Museum und in der kjjl. Bibliothek zu Wimlsor. Die Veröffentlichung seiner bisher ungedruckten Werke ist nunmehr im vollen Gange. Schon im Jahre 1883

') Pierre Rayli* (.!•»•"—ITOfii. Dictiounaire hiütoriijuc et critique.

veranstaltete Dr. Jean Paul Richter eine Ausgabe der Literarischen Werke Leonardos (2 Bände, London 1883). Zehn Jahre später (1893) erschien in Paris bei Edoardo Rouveyre, Edilore, ein Werk Leonardos, betitelt «Cortice sul volo degli ucelli», Abhandlung über den Flug der Vögel. Seine Vorstellung von der Möglichkeit des Menschenfluges hat Leonardo allerdings nur in technischen Entwürfen zum Ausdruck gebracht: Der fliegende Mensch befindet sich in einem Gestell in horizontaler Lage. Vermittelst über Rollen laufender Leinen bewerkstelligen die Arme den Aufschlag der fledermausähnlichen, aus mehreren Gliedern bestehenden Flügel, die Beine hingegen den Niederschlag derselben. Die Flügel klappen beim Aufschlag nach unten zusammen, beim Niederschlag dehnen sie sich in ihrer ganzen Flugfläche aus. Praktisch hat er seine Theorie nie verwertet. Sein allumfassender Geist verlor sich oft in den mannigfaltigen Zweigen der Wissenschaften, und kaum hatte er eine Idee erfaßt, als er sie unbefriedigt wieder verließ. Und so kam es auch, daß die Arbeit dreier Jahrhunderte kaum genügt hat, um Licht auf einige der Probleme zu werfen, welche diesen gewaltigen Geist beschäftigten.l)

Immer und immer versuchte man die Lösung des Problems des Menschenfluges, aber stets mit gleicher Erfolglosigkeit. In Tübingen gab am 5. September 1017 Friedrich Hermann Fleyder in einem öffentlichen Vortrag die Idee zum Besten, der Mensch könne wohl fliegen wie ein Vogel, wenn er nur ernstlich dazu gewillt sey; er brauche sich nur von Jugend auf diesbezüglicher praktischer Übungen befleißigen, wie solche in einem von ihm (Fleyder) für junge Leute herausgegebenen •= Leitfaden» zu erholen wären.8)

Diesen Leitfaden scheint Fleyders La dsmann, Salomon Idler oder ledler, sich ganz zu geistigem Eigentum gemacht zu haben, aber wenig Ruhm trug es ihm ein, als er später die daraus erlernten Kunststücke als Flugmensch seinen Mitbürgern, den Bewohnern der freien Reichsstadt Augsburg, öffentlich vormachen wollte. Idler, von Profession ein ehrsamer, aber rabiater Schuhmacher, wollte partout von sich reden machen. Er war kein geborener Augsburger, sondern aus Cannstatt in Württemberg gebürtig. Am 16. September lt>35 heiratete er Justine Burckhartin, weiland David Herbstens Schuhmachers Seelig Witib. «Salomo Idler», so berichtet C. J. Wagenseil in seiner Geschichte der Stadt Augsburg, «war auf den Gedanken gefallen, in die höheren Regionen hinaufzufliegen. Er machte sich nun ein Flügelwerk aus Eisen, besetzte es mit bunten Federn aller Art und wollte sich von der Höhe des Perlachturms aus in die Luft erheben und dann in die Straße herabfliegen. Sein Beichtvater, der von dem barocken Einfall Nachricht bekam, suchte ihm denselben mit den vernünftigsten Gründen auszureden, aber vergebens, denn Starrköpfe werden durch Gegengründe gemeiniglich noch starrer. Der Beichtvater merkte nun wohl, daß er tauben Uhren

■) The Aeronautical Annaal l*9ö. Edited by James Menne. Boaton, W. B. C.iarke & Co. »40 Washington Street.

»j Vergl. Mocdcbeck* Taschenbuch für Flugtechniker......Chap. XI. Der Konstflug.

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predige, und grill die Sache auf einer andern Seile an. Er wollte zwar dem neuen Dädalus das Fliegen nicht wehren, aber er sollte nicht vom Perlachturm herab-, sondern zuerst hinaufsegeln, und dann, wenn er droben wäre, es gleichwohl auch herab versuchen. Da besann sich der Schuster eines Besseren. Zwar gab er den Gedanken darum nicht auf, sondern das Kunststück sollte nur im Kleinen versucht werden. Er wählte hierzu den sogenannten Rahmgarten und llog hier von dem Dache eines niederen Nebengebäudes auf eine mit Betten belegte Brücke, unter die sich einige Hühner geflüchtet hatten. Aber, o Unglück! Der Flugkünsller stürzte, die Brücke brach durch die Schwere des Körpers von des heiligen Oispinus Schützling ein, und die an der ganzen Sache unschuldigen Hennen wurden zum großen Jammer ihres Eigentümers mausetot geschlagen. Unmutig über diesen tragischen Ausgang trug Idler das kunstbare Flugwerk, das ihn und seinen Namen zur Unsterblichkeit befördern sollte, nach Oberhausen bei Augsburg und zerstörte es auf einein Hackblock. Da lagen die Scherben umher, und das spottende Volk gab ihm den Beinamen «der fliegende Schuster>. Das tat ihm wehe, aber was war nun zu tun? Pfriemen, Hammer und Knieriemen waren seine Lieblingsinstrumente niemals gewesen. Indessen — leben mußte er, und so beschloß er — Schauspieldirektor zu werden. Hierüber aber grollten die neidischen Meistersinger, die allein im Besitz theatralischer Kunst sein wollten, und fingen mit dem Flugschuster einen Prozeß an, über dessen Ausgang, sowie des Mannes ferneres Schicksal nichts bekannt ist.» Wie sehr Idler sein Geschäft über brotlosen Künsten vernachlässigte und über den Leisten hinausging, ist aus den Steuerbüchern der Stadt Augsburg ersichtlich. Während Idler in den Jahren lööO—05 noch 42 kr. 3 dl. Steuer zahlte, sank dieser Satz im Jahre 16(>9 schon auf 25 kr. 1 dl. herab, und mit dem Jahre 1070 verschwindet Idler ganz aus den Steuerbüchern und mithin auch aus dem Stadtbezirk, ohne seinen Mitbürgern eine Beschreibung seines <Dädaleons* hinterlassen zu haben.1)

Im Jahre 1678 fanden in Frankreich verschiedene Experimente mit einer Flugmaschine, einer Erfindung des Schlossers Besnier zu Sable in der Grafschaft Maine statt. Die Maschine bestand aus 4 kleinen Fittichen. Da Besnier, so heißt es im «Journal des Savans>, damit keine durchgreifenden Erfolge erzielte, so verkaufte er sie an einen Seiltänzer oder deß etwas, der sich derselben mit großem Glücke bediente (qui s'en servit fort heureusement). Es ist aber kaum glaublich, daß im goldenen Zeitalter des Sonnenkönigs (Louis XIV.) ein Franzose wirklich das Fliegen zuwege gebracht hätte, und daß seine Landsleute darüber vergaßen, diesen Triumph in alle Welt hinauszuposaunen. Übrigens soll sich unter Ludwig XIV. in der Tat ein Seiltänzer namens Allard. eine geschichtliche Persönlichkeit, vor dem König in Saint Germain als Flugkünstler versucht haben. Die Maschine, von der wir keine Beschreibung besitzen, soll Ähnlichkeit mit der Besniers

lCJ. Waif'iisii!. kt:l. bayr. Kegienniüsrat: Ycrxarh einer OsrWlile der Stadt Augsburg. Ein Lesebuch fik alle Stände. De« i. Bandes anderer Teil. |>. 4h;,_h7.

gehabt haben. Vielleicht war Allard der glückliche Käufer derselben geworden; aber vor dein König hatte er kein Glück, denn da die Bedingungen des Gleichgewichts nicht erfüllt waren, so fiel Allard von der Terrasse, dein Ausgangspunkte seines Fluges, herunter und verletzte sich sehr gefährlich. Auch in Deutschland fand sich nach dem «Fliegenden Schuster» von Augsburg wieder ein neuer Flugkünstler. So brach sich im Jahre 1673 zu Frankfurt a. M. ein gewisser Bernoin bei einem «Fliegversuch» Hals und Beine. Auch in Nürnberg soll um diese Zeit ein alter Musikant, ein Kantor, bei einem derartigen Experiment zugleich Arme und Beine gebiochen haben.

Doch die Lust, das Fliegen zu lernen, erstarb nicht trotz aller Mißerfolge. Machte nun der eine oder andere aber einen derartigen halsbrecherischen Versuch ohne gehörige Vorsicht und Sachkenntnis, so hatte das neugierige Publikum seine boshafte Freude daran, wenn die Sache schiel ging, und wußte ganz genau die Ursache herauszufinden, warum es so nicht gehen konnte. Man schalt den Flugkünstler einen närrischen Toren und übergoß ihn in Wort und Schrift mit Spott und Hohn. Was Wunder, wenn ein so verkanntes Genie mit bitterem Überdruß seinen Lieblingsgedanken von sich fahren ließ.

Fast gleichzeitig mit der Erfindung des Luftballons durch Montgolfier regten sich wieder die fluglustigen Gedanken mehr denn je. So erschienen im Jahre 1782 in den «Oberrheinischen Mannigfaltigkeiten» (II. Jahrgang, Druck und Verlag bei .1. .1. Thurneysen dem Jüngern, Basel) mehrere Aufsätze, worin die Frage «Ob der Mensch nicht auch zum Fliegen gebohren sey, und ob ihm das Fliegenlernen nicht möglich sein sollte», eingehend behandelt wurde. Als geistiger Vater derselben bekannte sich der Hoch-fürstlich Baadische Landbaumeister Carl Friederich Meer wein') (geboren zu Leiselheim in der Markgrafschaft Hochberg am 2. August 1737, gestorben zu Karlsruhe den 6. Dezember 1810). In seiner Broschüre «Die Kunst zu fliegen nach Art der Vögel», erklärt er, durch M. de la Lande zu obenerwähnten Aufsätzen provoziert worden zu sein, der gegen das Unternehmen Blanchards, ein Luftschiff zu bauen, zu Felde zog. La Lande habe dem Pariser Publikum die Gründe nach der Kunst vorgewogen, warum es dem Menschen unmöglich sein sollte, vermittelst einer Maschine jemals Iiiegen zu lernen. Unser hochfürstlicher Landbaumeister ist auf die par hazard erfundene Methode der Gebrüder Montgolfier schlecht zu sprechen. Es ist für ihn mehr ein Schwimmen in der Luft nach Art der Fische im Wasser, als ein Fliegen nach Art der Vögel zu nennen, und ist noch weiter verschieden, als das Schwimmen des Fisches vom Fahren auf einem Schiffe verschieden ist. «Dafür», sagt er des weitern, dürfte meine Erfindung von um so größeren praktischen Folgen sein, da sie weniger kostbar, nicht so viele Umstände erfordert und auch in nasser Witterung besser auszuhallen

') «Die Kumt zu fliegen nach Art .ler V^el«. erfunden von Carl Friederich Meerwein, Hochfürftiicb Bnadischem Landbaumeitter. Mit Kupfer«. Frankfurt)) u. Ila-el, bey II. L. Brünner und ,1. J. Thuriieyucn dem Jüngern, l'xt.

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vermag, vorzüglicli aber auch, da sie das sicherste Mittel abgibt, die aerostatischen Kugeln nach Gefallen zu lenken, abgesehen von der Ehre, diese Erfindung auf einen Deutschen zu bringen.» Der Mensch ist doch das von der Natur am meisten begünstigte Geschöpf. Unzählige Künste und Erfindungen des zur Reife gekommenen Menschen sind das Produkt seiner geistigen Vorzüge vor dem Tiere. Erwägt man hingegen die Einfalt der meisten fliegenden Geschöpfe, so muß der Mensch als Herr der Schöpfung fürwahr zur Einsicht kommen, daß es nur von seinem eigenen Entschlüsse abhängt, auch noch den Vögeln in der Luft diesen Vorzug streitig zu machen. Meerwein wußte um diese Zeit noch nichts Näheres von der Einrichtung und den Verhältnissen der Blanchardischen Flugmaschine, die er so warm verteidigte. Als nun die Zeitungen aus Paris unterm 7. Februar 1784 meldeten, daß Blanchard abermals aufzutreten gedenke, da war Meerwein von frohen Hoffnungen für den Franzosen erfüllt: «Ists an dem», schreibt er, « und greift er die Sache am rechten Fleck an. so ist auch nicht zu zweifeln, daß er durch eine Art Flügel die aerostatischen Kugeln am sichersten zu dirigieren imstande sein werde^ und ebenso zuverlässig, als ihm die aerostatischen Kugeln zur Erlernung des Fliegens gleichviel behülflich seyn können.» Schließlich lenkt Meerwein mit seiner apodiktischen Behauptung ein und forscht nach den Gründen, warum es dem Mensehen «konkretivisch» unmöglich sein sollte, mittels einer Maschine zu fliegen. Entweder liegt die Ursache im Bau und in der Struktur des Menschen überhaupt und dessen zu großer Schwere, oder im Mangel hinlänglicher Stärke, die Flugmaschine zu regieren, oder endlich im Mangel tauglicher Materialien zu einer solchen Maschine.

Dagegen glaubt Meerwein baldigst Remedur schaffen zu können und durch seine Abhandlung den hinlänglichen Beweis zu erbringen, daß der Mensch das Kompletnentum der ganzen tierischen Schöpfung und daher ebensowohl zum Fliegen als zum Schwimmen oder einen Elephanten zu besteigen und dergleichen mehr, fähig seye, sobald er nur ernstlich will. (Siehe oben Fleyder.) Liißt der äußere Bau des menschlichen Körpers, ohne Nachteil«' für seine Gesundheit, die Benutzung einer Flugmaschine zu, so kann der Mensch sehr bequem im Mittelpunkt seiner Schwere in bleyrechter Lage in der Luft schwebend unterstützt oder hingehenkt werden. Die Füße sind dann ein vollkommenes Mittel, die Stelle eines Steuerruders entweder selbst zu formieren oder zu regieren. Spricht der äußere Körperbau für die Möglichkeit, so kann das Atemholen dieser nicht mehr entgegen sein. Diese Schwierigkeit werde ohnedies durch den Bau der menschlichen Nase gehoben, indem in selbige — wenn der Mensch auf dem Bauch liegt, die gegen ihn hinein treibende Luft nicht geradezu eindringen und die Lunge zu stark anfüllen kann. In widrigen Fällen kann vermittelst einer Maske vollkommen abgeholfen werden.

Daß die Füße ein willkommenes Steuerruder abzugeben vermögen, beweist Meerwein durch folgendes Exemplum:

Man lasse sieh nämlich die Hosen bis unter die Füße machen und in derjenigen Weite, in welcher letztere auseinander gehalten werden können, ein Stück Leinwand straff an die innere Hosennaht befestigen. Je dichter die Leinwand, desto geringere Luft läßt sie durch sieh und desto tauglicher wird sie hierzu sein. Wer nun im Zweifel ist, ob seine Beine vermögend sein werden, sich stets in einer solchen erforderlichen Lage auseinander zu halten, um das dazwischen belindliche Expansum recht straff anzuspannen, der bringe zwischen den Füßen noch ein Slänglein an, dem man zur Erleichterung der Situation noch ein Knie geben kann, um es nach vorwärts, aber ja nicht nach rückwärts, zusammen legen zu können.

Was die Körpei-schwere betrifft, so fragt es sich, was man unter dem Ausdruck «zu schwer» eigentlich verstehen soll. Der eine Mensch ist zwar schwerer als sein Mitbruder, und auch der Adler, der König der Vögel, würde gewißlich nicht mehr zu fliegen vermögen, wollte man ihm die Flügel stutzen, die Schwungfedern ausrupfen, oder ihm gar, wenn möglich, des Zaunkönigs Flügel gehen. Der Vogel Strauß ist doch ein Biese seiner Art, und doch sagt man gewiß nichts weilers, als daß dasjenige, was man dieses Vogels Flügel nennt, vor den Strauß zum Iiiegen nicht hinreichend sei.

«Ergo», fährt Meerwein fort, mache man die Maschine in der Zusammenhaltung mit der Schwere eines Menschen groß genug, dann ist die Hauptfrage wohl gelöst.» Ganz sicher ist aber der Herr Landbaumeister seiner Sache doch nicht, denn er läßt einfließen, man solle durchaus nicht erwarten, daß diese Hauptfrage nichts weniger als bestimmt beantwortet werden könne und auch hier als bestimmt beantwortet werden solle. Will aber der Mensch den Flug der Vögel nachahmen, so muß er den Maßstab seiner Maschine selbstredend nur von den Vögeln, und allein von diesen, entlehnen, müßte er denn beim Nachsuchen anderswo besonders glücklich sein. Ehe Meerwein an die Schilderung seiner Maschine geht, erachtet er für angezeigt, etwaigen überspannten Hoffnungen seiner Zuhörer Einhalt zu tun. «So wenig man erst Linienschiffe baute, ehe man Flöze zusammenknüpfte, so wenig könne man jetzt schon von ihm erwarten, daß die Maschine, deren Größe er im Begriffe sei, anzugeben, den Menschen schon in den Stand setzen werde, sich sogleich mit dem Adler zu messen!» «Niemand», fährt Meerwein fort, -wird abläugnen, daß die wilde Endte gut fliegen könne. Wem dieser Vogel zu klein ist, oder wer sich mit dem Adler oder einem dessen gleichen messen will, der mag darnach seine Maschine bestimmen, dabei aber auch wohl überlegen, daß der Adler ein Baubvogel ist und nicht nur sein Eigengewicht, sondern auch die Hebung seines Baubes und noch dazu in dünnere Luftschichten zu besorgen hat. Einer mit solchen Gedanken entlehne auch beim Adler den benötigten Maßstab-. Die wilde Ente, die Meerwein zu seinen Beobachtungen benutzte, wog 2 Pfund 20 Loth; ihr Expansum betrug nach dem badischen Werkschuh ä 10", 165 Quadratzoll 10 Linien. Demnach trafen auf 1 Pfund 62 Zoll, 93 Linien und 33 Skrupel. Wenn er sein Eigengewicht auf 150—160

Illuntr. Aeronatit. Mitteil. VIII. Jahrg. 1

und samt der Maschine auf 200 Pfund berechnete, so mußte nach seiner Kalkulation die Grüße der Maschine 12IW halten, sollte sie ihn ebenso sicher durch die Luft tragen, als eine wilde Ente fliegt. Somit war die Frage hinsichtlich des Flächenareals der Maschine gelöst; aber schon wieder drängte sich eine neue auf: Wie wäre es, wenn der Mensch zu wenig Kraft besitzen sollte, eine Maschine von der angegebenen Größe und Ausdehnung gehörig zu dirigieren? < Dann wäre es freilich schlimm», meint Meerwein, - aber ein kranker Mann wird überhaupt das Fliegen nicht probieren wollen und bei gesunden Menschen lehrt die tägliche Erfahrung, daß sie eine ihrer Körperschwere gleiche Last ohne sichtliche Anstrengung vor sich hinstoßen können. Zudem tritt durch das Steuerruder eine Minderung der ursprünglichen Last um lß—20 Pfund ein und. da der Mensch in den Flügeln hängt, deren Gewicht er beim Gebrauch durch seine Kraft überwindet, so ist er folglich gewiß auch stark genug, die Maschine zu regieren».l) Die letzte Frage beschäftigt sich damit, ob es nicht zur Herstellung einer solchen Maschine an tauglichen Materialien fehle. Das Maximalgewicht seiner Maschine setzt Meerwein auf 40—50 Pfund fest. Die Materialien müssen zähe, stark und demnach möglichst leicht gewählt werden. Zum Gerippe der Maschine wähle man daher am besten Lindenbolz, oder gespaltenes Tannenholz, damit es nicht leicht breche und gar ein Unglück veranlasse. Dieses Gerippe überziehe man dann mit leichtem, dichtem, aber genügend starkem Leinen-, Baumwollen- oder Wachstuch: eine solche Tuchart wird nicht reißen, vorausgesetzt, daß sie überhaupt taugt und recht gemacht ist. .leder Punkt hat seinen bestimmten Teil Widerstand zu leisten; denn das Tuch liegt hin und wieder am Holz und wird darauf sozusagen befestigt.

Die Flügel sollen mehr lang wie breit sein; die Länge gewährt eine wesentlichere Vollkommenheit und ist notwendiger als die Breite. «Denn», meint Meerwein, «schneidet man einem Vogel die Flügel und nimmt nur diejenigen Flügelfedern hinweg, welche dem Leibe zunächst stehen, läßt dagegen die Schwungfedern stehen, so kann er erfahrungsgemäß doch noch besser fliegen, als wenn man ihm diese schneidet und jene stehen läßt, wenn sie auch gleich dem Expanso nach mehr betragen. Daher, je länger die Flügel, desto größer die Geschwindigkeit der äußeren Teile beim Schwingen derselben. Je schneller aber die Bewegung eines flachen Körpers durch die Luft ist, desto größer der Widerstand derselben und desto wirksamer muß aber auch alsdann die Bewegung werden, in welche die Luft auf diese Art gesetzt wird.

Uber alle diese Schwierigkeiten setzt Meerwein kühn hinweg, indem er sich also eine Maschine aus 2 gleichen Teilen macht. Wenn er diese Flügel im Mittel durch biegsame Bande verbindet und diese zusammengesetzte Maschine noch so lang als breit macht und so, daß er sich in

1 l 1i>t .lio erforderliche Kruft taucht Meerwcin J< n Lo>r mit Betrachtungen über KrafUeistungen d»* Mensehen; warum soll da*, (icvvicht .>r Flüjiel nicht in Betracht kommen, wenn auch der Mensch in den*elhoii häuft?

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horizontaler Lage darin zu befestigen und mit derselben so vereinigen vermag, daß er gar nicht gehindert wird, alle seine Kräfte auf die vorteilhafteste und der Absicht angemessenste Art anzuwenden, so glaubt Meerwein sicher darauf zählen zu dürfen, mit einer solchen Maschine fliegen zu lernen. Aber gerade so wenig der Mensch, der sich das erste Mal in tiefes Wasser wagt, trotzdem er spezifisch leichter wie das Wasser ist, sogleich zu schwimmen vermag, so dürfe man auch nicht erwarten, daß der erste Versuch, mit einer Maschine zu fliegen, sogleich ganz gelingen werde. Die Form der Maschine nach Maß und Zusammensetzung ist nach Meerweins') Ansicht ganz einfach. Die Last, d. h. der Flugmensch, wird in zwei bestimmten Punkten des Werkzeuges befestigt; rechts und links dehnen sich gleiche Räume aus, welche die Flügelläufe bilden. Will der Künstler dieselben bewegen und ein Auffahren oder Niedersinken erzielen, so packt er

A

C. Fr. Meerweln's Flugmatchlne

nach dem Original in «Die Kunst zu Fliegen nach Art der Vtigel». 178*.

mit kräftiger Hand die an der Maschine befestigte Balancierstange vor seiner Brust und stößt sie 13U Schuh in wagerechter Richtung vom Leibe weg. Meerwein verkennt nicht die Unsicherheit seines Verfahrens, indem er warnend hinzufügt, es wäre nach seinem Ermessen eine höchst sträfliche Verwegenheit, die erste Probe in einer Gegend und unter Umständen zu wagen, unter welchen der Mangel an Gegenwart des Geistes, welche verrneiniglich da, wo sie am unentbehrlichsten ist, am ersten weichet, oder ein Versehen in den noch ungewohnten Handgriffen halsbrechend werden müßte. Meerwein schlägt als sicherste Gegend «vor einen Lehrling in dieser neuen Kunst», ohne Lebensgefahr den ersten Versuch zu

>) a) Projekt zu einer Fliigmaschine oder zu MensehenflUgeln, erfunden und herausgegeben im Jahre 1782 Ton C. Friedrich Moerwein. Hochfürstlich Marggräflich Baadischem Landbaumeistern in Emmendingen;

b) Vorstellung der Flugniaschine. die den Fliegenden sowohl von vorne Lit. A. als auch in vollem Flug Lit B zeiget. Erfunden von . . .

wagen, ein tiefes Wasser vor unter einer etwas beträchtlichen Anhöhe. «Denn wenn einer in ein etwas tiefes Wasser lallt, so bricht er weder Hals noch Beine und gegen das Ertrinken selbst gibt es hinreichende Verwahrungsmittel». Wann und wo Meerwein seine Versuche anstellte und mit welchem Erfolg'?, darüber erfahren wir von ihm selbst nichts. Er nimmt zwar sonst den Mund recht voll, gleichwohl weiß er von seiner Person nur so viel hervorzuheben, «daß sein Name kein Geheimnis mehr sei».

Leider aber beging .loh. Lorenz Boekmann in seinen «Kleinen Schriften physikalischen Inhalts, I. Band. Karlsruhe 1789» die Indiskretion, der Nachwelt zu verraten, Meerwein habe zu Gießen a. d. Lahn einen nicht ganz glücklichen Flugversuch gemacht. Er ging also demnach mit seiner Maschine auch auf Reisen. Trotz aller seiner Schwächen vertritt Meerwein eine Theorie, der auch später Otto Lilienthal, der Reformator des Kunst-lluges, beipflichtete; er betrachtete den Vogelllug als Grundlage der Fliegekunst und versuchte als erster einen Maßslab für die Größen der einem Menschen nötigen Fluglläche aus Gewicht und Flügelareal abzuleiten. Ob er seinen Nachfolger Degen beeinflußt habe, bleibe dahingestellt. In einzelnen Punkten folgt letzterer genau den Grundsätzen und Anordnungen Meerweins hinsichtlich Errichtung einer Vogelllugmaschine. Und da er noch unselbständig war zur Zeit, wo Meerwein schon mit seiner Maschine auf dem Plan erschien, so ist anzunehmen, daß Degen im Hochfürsllich Baadischen Landbaurneister seinen Lehrmeister suchte und fand.

Jakob Degen,1) geboren am 17. November 1756 im Kanton Basel, gestorben zu Wien am 28. August 1818, kam noch nicht 10 Jahre alt mit seinem Vater nach Wien, welcher in der von dem Schweizer Kännel 1761 im benachbarten Orte Penzing errichteten Seidenfabrik eine Werkmeisterstelle erhielt. 9 Jahre beschäftigte sich hier der junge Degen mit Bandweben. Endlich bestimmte ihn sein unüberwindlicher Hang zur Mechanik, die Uhrmacherkunst zu erlernen. Im Jahre 1779 hatte er ausgelernt und trat bei einem Meister in Arbeit ein, bei dem er viele Jahre zubrachte, bis er 1793 selbst das Meisterrecht in Wien bekam. Lange schon hatte ihn der Gedanke beschäftigt, eine Flugmaschine zu verfertigen, jetzt betrieb er das Werk mit vollem Ernste, wußte zu Wien, in der schaulustigen Kaiser-sladt, Teilnahme an seinen Bemühungen" zu wecken, Kenner der Mechanik und zahlende Beförderer herbei zu locken. Im Oktober 1808 hatte er es auch wirklich schon so weit gebracht, daß er in der k. k. Reitschule kleine Flugversuche wagte. Und so waren im Jahre 1809 alle Zeitungen im deutschen Vaterlande seines Namens voll. Einige derselben, wie z. B. die «Bayreuther Zeitung , gaben sogar Abbildungen der neuen Flugmaschine, welche in die meisten damaligen Bilderbücher übergingen. Die Fluglust regte sich damals gewaltig. ■>Mancher schwebte schon im Gedanken durch die Lüfte, mancher sah sich bereits nach einer guten Luftpolizei um, als

') Dr. Cnnslant von Wurr.lia.ch, Biographie lies Lexikon des Kaisertums Öslerreich tt750— IR50>. Wien Vol. 3.

»»»» 281 «444

welche losen Vögeln das Hand- und Flugwerk legen sollte». Es war die Zeit, welche den «FliegendenSchneider von Ulm» ins Leben rufen sollte. Das neue Flugwerk und die allgemeine Fluglust boten für die gute Laune witziger Schriftsteller ergiebigen StolT. Nur Schade, daß es zum Fliegen selber nicht kam.

Wir besitzen eine genaue Beschreibung der Flugmaschine Degens, von ihm selbst verfaßt, welche uns mit allen Einzelheiten seiner sinnreichen Erfindung vertraut macht.1) Es ist aber eine undankbare Aufgabe, eine Vorrichtung zu schildern, die schon im Grundgedanken verfehlt war und auch ihreUnbrauch-barkeit zurErfüllung des eigentlichen Zweckes dargetan hat, wie kunstvoll und sinnig sie auch hergestellt sein mag. Der geneigte Leser möge uns daher Nachsicht angedeihen lassen, in unserem Bestreben, in möglichst tunlicher Kürze eine klare und übersichtliche Darstellung dieses Kunstproduktes zu geben.

Auf Grund langjähriger Beobachtungen, welche Degen über den Flug der Vögel anstellte, kam er, wie sein Vorgänger Meerwein, zur Überzeugung, die Flugfläche sei von der Größe des Gewichtes abhängig zu machen. Ein Adler im Gewichte von 12 Pfund und mit einer Fluglläche von 8 Quadratfuß diente Degen zum Muster, und aus dem proportionellen Verhältnis (2 : 3) folgerte er, daß ein mit künstlichen Flügeln versehener Mensch bei einer Fluglläche von 100 tj' imstande sei, eine Last von 150 Pfund zu

nach einer Kupfcrtafel

Dil Flugmaschine von Jakob Dogen

in «lie.-i hreihung einer neuen l-'lugmasrhine u*w.»

l) Be«chreihung einer neuen Flugma*i-hinc von Jakoh Degen. Bürg*■rlirhem rhrmacher. Mit einer Kupfertafel Wien, in der Dngen^chen Buchhandlung. 1808

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tragen, «vorausgesetzt, daß die Bauart dieser Flügel derjenigen der Vögel in jeder Beziehung gleich komme». Als Maximalgewicht der Flügel nahm Degen 25 Pfund an: im fertigen Zustande wog jeder, ohne die übrigen Maschinenteile, 5 Pfund.

Ersatz für die eigentlichen Federn bildeten kleine Flächenstücke aus feinem mit Firniß überzogenen Papier, 3500 an der Zahl, welche nach abwärts sich öffnende Klappen sein sollten.

Als Form für die Flügel wählte Degen die herzförmige Gestalt, da sie in ihrer größten Ausdehnung die Kreisform annimmt und somit gleichmäßige Spannung ermöglicht. Um den Mittelpunkt des größten Kreises zog er 30 immer größer werdende konzentrische Kreise: an diese schlössen sich 48 Bogen, deren Gradezahl mit der Verengerung der Flügel sich minderte. Die Länge der Flügel war auf je 10 Fuß, die größte Breite auf je 9 Fuß festgesetzt. Um dieselben möglichst stark zu machen, nahm Degen eine Seheibe aus starkem Pergament, im Durchmesser von 1', und machte sie durch einen Überzug von Kartonpapier und aufgelöstem Siegellack wasserdicht. In der Mitte derselben schnitt er eine Öffnung aus, die er mit einem starken Ring von Leder ausfütterte. Um die Peripherie der Scheibe nähte er (»4 kleine Hülsen aus zusammengerolltem Papier, umwickelte sie mit Leinwand und überzog sie mit Lack. Um gleiche Abstände zu erzielen, brachte er in den Zwischenräumen Korkstücke an, welche durch Aushöhlen den Hülsen angepaßt waren. So erhielt der Hülsenring eine sichere Festigkeit. In jede Hülse wurde dann ein Schilfrohr gesteckt, das den Kiel oder Schaft einer Feder bilden sollte. Durch den Scheibenausehnitt wurde dann ein 4' langes Bambusrohr als Mast gezogen, das in der Mitte mit einer Art Sockel versehen war, so daß die ganze Seheibe darauf zu liegen kam. Die Schäfte wurden nach unten und oben an den Mast gebunden und äußerten von allen Seiten ihre Wirkung gegen einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt. Hierauf teilte sie Degen ihrer ganzen Länge nach in gleiche Teile, umwand den Schaft an jedem Teilungspunkte mit starken Seidenfäden und zog sie quer von dem Teilungspunkte des einen Schaftes zu dem des gegenüberliegenden. Die Klappen ("deren Länge sich immer gleich blieb, während die Breite mit dem Kreisbogen wuchs) wurden mit einer ihrer längeren Seiten über die Schnur geschlagen und verkleistert und lagen mit der andern auf dem nächstfolgenden Gelenke, während die kürzereu Seiten sich an die Schäfte anschlössen und so der Luft den Durchzug versperrten. So erhielt Degen Kreisfäden und Bogen, ähnlich dem Gewebe einer Spinne.

Die Einfassung der Flügel geschah gleichfalls durch Schilfrohre, welche, entsprechend der Flügelform gebogen, mit starken seidenen Schnüren an den Schäften befestigt waren.

Die Spannung der Flügel nach aufwärts und abwärts, bis an die Gipfel oder Enden der Mäste, bewirkten die Spannschnüre, von denen 512 auf die ganze untere Fläche und 320 auf die obere verteilt waren. Sie wurden mit dem Mäste auf verschiedene und sehr komplizierte Weise be-

festigt. Im die Spannung der Schnüre nach Belieben zu steigern oder zu vermindern, konnte man dieselben durch einen beweglichen Knoten verlängern oder verkürzen. Das Abziehen des Mastes aus seiner geraden Richtung verhinderten 4 starke Schnüre mit einer Tragkraft von je 100 Pfund, welche, gegen die innere Flügelseite zulaufend, mit der Spitze des Mastes und den weiter unten beschriebenen Hebelarmen verbunden waren. Zur Befestigung des Mastes mit Ring und Scheibe wurde jener in 12 gleiche Teile geteilt und die Mitte des oberen Mastteiles mit einem Ansatz versehen. An den Teilungspunkten wurden 12 Schnüre um den Ring geschlungen und durch Schlingen an der Spitze des Mastes und der Mitte des Ansatzes angezogen. Als Bewegungswerkzeuge für die Flügel gebrauchte Degen Hebelarme, welche vom äußersten Punkt der Flügelspitze des unteren Scheibenkreises ausgehend bis an die Durchschnittsfläche des Schwerpunktes des Körpers reichten. Je nach der Wölbung der Flügel krümmten sie sich und gingen auseinander. Es waren starke Bambusrohre von 3 '/*' Länge, deren Widerslandskraft dadurch erhöht wurde, daß man sie an mehreren Stellen mit Seidenschnüren umwand.

Fm mit seinen Flügeln alle Wendungen des Vogelfluges ausführen zu können, brachte Degen an den zwei obersten Punkten seines künstlichen Schulterblattes 2 gabelförmige Ansätze aus Stahl an, in welche 2 wagerecht-liegende Stifte eingelassen und eingeschraubt sind. Diese Stifte waren an Stahlstäbchen angesetzt, welche an den beiden Enden mit einem Stahlbogen geschlossen waren, der vordere und hintere Bogen von gleicher Weite, daß sich ersterer ungehindert über das Kinn bewegen konnte. Sie bildeten eine Art Wagebalken, mit dessen Heben und Senken auch die Flügel entsprechend gehoben oder gesenkt werden konnten. In der Mitte der Außenkante des Bogens befand sich ein Stift mit angesteckter kurzer Walze, um das Anstemmen des Hebelrohres gegen den Bogen zu vermeiden. Nach dem Absatz, den die Walze macht, sind Ringe von den Armen beider Flügel über den Stift geschoben, um den sie sich drehen können. Mittels dieser Ringe konnten die Flügel, jeder einzeln oder beide zugleich ihrer Länge nach gehoben oder gesenkt werden. i

Das oben erwähnte Schulterblatt bestand aus 2 Stücken von Messingblech, welche dem Halsumfang entsprechend ausgeschnitten, über die Schulter gebogen und ausgepolstert waren. Unter dem Nacken verband sie ein Gelenk; über der Brust wurden sie durch kleine ineinandergreifende Ringe mittels eines Schraubenstifles zusammengehalten. An dem Schulterblatt waren 4 Riemen, welche mit i anderen einen kleinen Sattel festhielten. Sie kreuzten sich auf der Brust und dem Rücken und hielten das Schulterblatt in wagerechter Lage, welche so durch die Flügelarme nicht verändert werden konnte.

Am stählernen Wagebalken am Schulterblatt befanden sich 2 Federn aus Stahl mit Ringen, die in der Mitte der Federn über die Walze geschoben und angeschraubt waren. Bei einer Länge von 6' reichten sie bis an den

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Umkreis der unteren Scheibenfläche der Flügel und wurden dann an einem querliegenden, mit der Scheibe festverbundenem Holzstab durch Schrauben an dessen Enden befestigt. Diese Federn waren zum Aufschlag der Flügel bestimmt.

Um bei der wagerechten Lage der Flügel die senkrechte Richtung der Bewegung zu erzielen, verwendete Degen 2 je tV lange Fichtenstäbe. Sie lagen 2' von einander parallel und wurden 1' rechts und links vom Mittelpunkt durch 2 Röhren miteinander verbunden, welche die Handhaben bilden sollten. Sie waren wieder an ihren Enden durch Gelenke mit je 2 aufrecht-stehenden Stäbchen von 2' Länge verbunden, welche als senkrechte Flügelheber mittels der Hände dienen sollten. Diese Stäbchen waren mit 2 auf der oberen Flugfläche wagerecht liegenden Bambusrohren verbunden, welche den Mast auf beiden Seiten durch einen durchgezogenen Kupferdraht umfaßten. 4 Fuß unter den Flügelflächen war eine drei Fuß lange, aus 2 Stücken bestehende Querstange an ihren beiden Enden mit 2 Schlagbäumen von je 4Vs' Länge befestigt, welche bis an die Mitte der Klappenkreise reichten und dort mittels eines Stahlstiftes an 2 mit Messing beschlagenen Fischbeinstückchen angebracht waren. Der Abstand der Fußstange von der Flügelfläche betrug nur 4', derjenige der Schlagstangen aber 4'/*'. — Durch den Rest wurde die schiefe Richtung derselben ermöglicht, um die kegelförmige Richtung der Spannschnüre nicht zu beeinträchtigen. 2 Scheiben aus Stahl, in gleicher Entfernung vom Mittelpunkt der Fußstange, verschafften den Füßen festen Halt, aber auch freie Bewegung. Aus den Holzsohlen, welche an die eigentlichen Schuhe angeschnallt waren, ragten mehrere Messingzapfen hervor, welche in Öffnungen eingriffen, die an den Fußscheiben angebracht waren.

Große Schwierigkeit bereitete Degen der Aufschwung. Auf Grund seiner Beobachtungen über den Vogelllug ahmte er diejenigen Vögel nach, die sich vor dem Auffliegen niedersenken. Durch die an den Fußtritten angebrachten Vorrichtungen hatte er zuerst die freie Bewegung eines derartigen Vogels versucht, die er mit gekrümmten Krallen auf einer Sprosse oder einem Aste vornimmt; er mußte auch diejenige ins Auge fassen, welche der Vogel vor dem Auf fing vom flachen Boden mit ausgestreckten Krallen macht. Zu diesem Zwecke machte Degen unter der Ferse und den Zehen an den Sohlen Ansätze fest, deren Höhe gleich dem Durchmesser des Fußtrittes war. Sie bestanden aus hölzernen länglich 4 eckigen Flächen, an denen andere gleich hohe unter einem rechten Winkel, der Länge der Sohle nach, angesetzt waren.

Bei seinen ersten Flugversuchen bediente sich Degen eines Gegengewichtes. Die k. k. Polizeihofstelle war, wie es scheint, von der vollständigen Hinlänglichkeil und Sicherheit der Degensehen Erfindung nicht ganz überzeugt, da sie die Erlaubnis, seine ersten Privatversuche als rein wissenschaftlichen Gegenstand anstellen zu dürfen*, von der Anwendung eines Gegengewichtes abhängig machte. Im großen Saale des Universität»-

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gebautes trat Degen zum erstenmal als Flugkünstler auf. Das Gegengewicht war allen Zuschauern sichtbar angebracht: es stieg und sank an der Decke des Saales. Der 50' hohe Dachsluhl der k. k. Reitschule (wo Degen weitere Flugversuche anstellte) gab ihm Gelegenheit, das Gegengewicht unter demselben anzubringen. Ein an das Gegengewicht gebundenes Seil zog sich senkrecht über 1—3 Rollen, je nachdem eine Erhebung in senkrechter oder schiefer Richtung beabsichtigt war, und verband sich endlich mit 4 in eine einzige zusammenlaufenden Schnüren, welche von einem über den Kopf Degens aufgehängten hölzernen Ring von t Fuß Durchmesser ausgingen.

Die Schwere des Gegengewichtes betrug im Universitätssaal .... 98 Pfund

In der Reitschule nur........... ......... 75

Nach Abzug der Reibung, welche das Gegengewicht als abwärtswirkende Kraft zu überwinden hatte (9 Pfund), nur...... Gfl

Gewicht der Maschine mit allen Vorrichtungen am Körper .... 25 >

Körpergewicht........................ 11'.) »

Ks bleiben zur liebung der Maschine (119-f-25)— itt . ...... 78 »

Dem Gegengewicht aber.................... 6(5 »

Nach wiederholten Versuchen brachte es Degen dahin, die Strecke von 50' mit 25 Flügelschlägen in 30 Sekunden zurückzulegen. Die Durchschnittserhebung (die Höhe der Flügel und des Podiums abgerechnet, von dem der Aufstieg erfolgte) belief sich bei 30 Flügelschlägen auf 18 Zoll, das ist die Höhe, um welche Degen seine Fußsohlen durch Krümmung der unteren Gliedmaßen aufziehen und den Punkt am Flügelarm, an welchem die Kraft angebracht war, erheben und senken konnte. Bei seinen Versuchen im Freien bediente sich Degen eines Luftballons von vollkommener Kugelgestalt, welcher nach dem damals vorherrschenden Verfahren mit Wasserstoffgas gefüllt wurde. Um das Sinken des Ballons nach Bedürfnis zu ermöglichen und das Bersten desselben zu verhindern, brachte Degen am oberen Pol ein Sicherheitsventil an. Es bestand aus einer Scheibe doppelt so breit wie der sie deckende Reif, der an derselben mit einem Messingscharnier befestigt war und sich abwärts in den Ballon öffnete. Ein kleiner Ring an der unteren Fläche hielt eine dünne Seidenschnur, welche den ganzen Ballon bis zum untern Pol durchzog, durch den sie mittels einer kleinen Lederhülse luftdicht heraustrat. Sie reichte bis an die Brust des Fliegenden und war vor derselben an den sich kreuzenden Riemen befestigt.

Der Ballon sollte nur geringen Auftrieb, über die höheren Bäume,

haben, damit alle Zuschauer alle Bewegungen genau beobachten könnten.

Bei 2 Vorstellungen auf dem Feuerwerksplatz im Wiener Prater, am 13.

und 15. November 1808, erreichte aber Degen eine Höhe von 240—030 Fuß,

ein Ergebnis, das wohl auf die Wirkung des Luftballons und nicht auf die

der Flugmaschine zurückzuführen ist.

Der Kubikinhalt des Ballons betrug 3832,74 cb'.

Das Gewicht der Hölle.........19,5 Pfund

» » > atmosphärischen Lnfl . 239.55 »

» > des Wasserstoffgases . . . . 39,92+ » i^Hmal leichter als die Luft.;

Illustr. A'Tonunt. MitUil. VIII. Jahrg. 3<»

2h<>

Das Gewicht des Körpers mit der Maschine 144,— Pfund

• . > Netzes........ 2,B2 »

» » » Hcifcs mit den Schnüren 1.49 »

» > » Sicherheitsventils . . 0,4t>9 »

Der Auftrieb von.......... 31,874 Pfund bleibt dem Ballon, wenn

er vollständig gefüllt ist.

Als großes Hindernis gegen die beliebige Lenkung des Kluges im Freien mit Anwendung des Ballons zeigte sich, wie vorauszusehen war, jedesmal der Wind. Vorzüglich aus diesem Grunde erzielte Degen im Jahre 1812 in Paris mit seinen pompös angekündigten Flugversuchen gänzlichen Mißerfolg. Bei der dritlen und letzten Vorstellung, die er auf dem Marsfelde veranstaltete, wurde er sogar vom Pöbel weidlieh durchgeprügelt: die Bühne bemächtigte sich seiner Person zum Gaudium des von ihm getäuschten Publikums.1) Die Pariser seheinen sieh an dem -Wiener Uhrinaeher» für die unfreundliche Behandlung gerächt zu haben, die im Jahre 1791 ihr «großer- Blanehard bei Gelegenheit seiner mißlungenen Luftfahrt in Wien erfuhr. Die Wiener hielten Blanehard für einen verkappten Spion und Revolutionär und zeigten sich so erbittert gegen ihn, daß man Truppen in den Kasernen unter Gewehr treten ließ, und kaum das Blutvergießen verhindern konnte. Blanehard wurde sogar für einige Zeit in der Festung Kufstein gelangen gehalten. Das einzige, was Degen zu wahrem Buhme verhelfen konnte, hat er nicht versucht. Naehdem er sieh mit seiner Flugmaschine vom Luftballon halle hinaufziehen lassen, sollte et sich in einer bestimmten Höhe vom Ballon ablösen, mit seinen Flügeln herabschweben und während des Sinkens seinen Fall bedeutend hemmen. Hatte er doch seine Flugmaschine im Gedanken gebaut, sieh damit zu heben; ein Wiederherablassen aus erreichter Höhe lag mit in jenem Zweeke. Den Aufschwung ohne Unterstützung konnten die Flügel an und für sich nie erfüllen. Hemmung des Falles und sicheres Niedersinken waren daher nur billige Forderungen, zumal Degen auf den soliden Bau seines Flugzeuges die größte Sorgfall verwendet hatte. Zudem lag der Schwerpunkt tief unter den hemmenden Flügeln; es war daher ein Umkippen des Fahrzeuges nicht leicht möglich. Somit hat Degen sein Problem nicht gelöst, geradesowenig wie sein Zeitgenosse Karl Friedrieh Claudius.2)

Als vielseitig erfahrener Mann war Degen auch auf anderem Gebiete tätig. So erfand er 1820 den Doppeldruck für Wertpapiere und wurde infolge dieser Krlindung 1822 bei der priv. österreiehischen Nationalbank angestellt, bei welchem Institut er bis 1812 diente, in diesem Jahre wurde er als 81 jähriger Greis pensioniert. Fr starb zu Wien im Jahre 18i8 im Alter von J)2 Jahren.

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*i Über liegen» I'itriwi-rl'iihrt er»t->iieli von .'ob. Christ. SM/lnimnier. Wien IH16. 8". die Hrosrbüre • l>■■nk»i hrift über J. I>e,'.ns Auf. nlliull in Pari*..

Ansmt Wilhelm Z « ■ h .1 j 1.1 • U-urteüuiu' >ler Uejeu'selicn Flnffmusi bine», Leipzig 1*09. Bei Biititnirjirlu.r. Mil Kupfern.

«'-t- inebi«. he Xalinnul-Kn/yklopädin von Grälfer Uti<l Olkiinn. Wien IH35. Vol. I. p»f. «Hl

Carl Friedrich Claudius

nach einer Lithographie von K. KrafTt.

Karl Friedrich Claudius1) wurde geboren am 22. Januar 1767 zu Cottbus als der Sohn eines Leinwandhändlers. Sein Onkel war der bekannte Dichter Matthias Claudius (1740 bis 181 5), der I lerausgeber des«Wandsbecker Boten >. Mit dem 13. Lebensjahre wurde der junge Claudius naeh Chemnitz geschickt, um dort die Färberei, das Bleichen, sowie Seiden-, Baumwoll- und Leinweberei zu erlernen. Von der Natur aus mit der Gabe ausgerüstet, schnell und ohne Mühe den ganzen Wert des Nützlichen zu erkennen, dabei stets von dem Gedanken geleitet, durch rastloses Streben Unabhängigkeit zu erlangen, gelang es ihm schon im Jahre 1783, sein eigenes Geschäft in Cottbus antreten zu können. Dasselbe gedieh in kurzer Zeit so, daß Claudius seine Wachstuchwaren, deren Fabrikation er nach einer von ihm selbst erfundenen Manier betrieb, nach Berlin auf den Markt bringen konnte. Ein besonderes Vergnügen gewährte es ihm, durch die Ausdehnung seines Geschäftes über 500 Personen mit Arbeit versehen zu können. Bei allen diesen Glückszufüllen, welche durch die traurigen Zeilumstände (1806) nicht erschüttert wurden, war sein Geist rastlos tätig und strebte nach dem Auflinden von Neuem und Ungewöhnlichem; der Gedanke, auf irgend eine Weise etwas zu leisten, was nicht dem Alltagsleben angehörte, beschäftigte ihn unablässig, ja er hatte sich seiner Seele so sehr bemächtigt, daß er nur mit Mühe die innere Unruhe unterdrücken konnte. Das Gelingen seiner vielfachen Spekulationen hat ihn kühn gemacht, und kaum war die Nachricht von den verschiedenen Luflfahrlsversuchen des Uhrmachers Degen in Wien zu Claudius' Ohren gedrungen, als er den sofortigen Entschluß faßte, eine Flugmaschine zu erfinden. So wie diese Idee hatte ihn noch keine ergriffen; er machte Versuche auf Versuche, und endlich, nach unaussprechlichen Anstrengungen und vielen schlaflosen Nächten, gelangte er zum Ziel und war vom Praktischen seiner Erfindung so sehr überzeugt, daß er sich sogleich zu einer Luftreise entschloß. Er meldete das Gelingen seines Planes dem damaligen Polizeipräsidenten, auf dessen Veranlassung eine Prüfungskommission eingesetzt wurde, vor welcher Claudius einen Versuch mit seiner Flugmaschine ablegen sollte. In dem kgl. Exerzierhause vor dem Königstor sollte die Probe stall linden, nachdem < Claudius der Kommission vorher klargelegt hatte, er sei imstande, sich in der Luft

■1 Carl Friedrich CI a n d i u s, 1H3». Gedruckt bei II. Cohn.

lEifl Denkmal der Freund-chaft v<'ii «eim-n V. r.hrern ». Itcrlin

um 68 Pfund leichter und um 45 Pfund schwerer zu machen. Der Versuch fiel so überaus glücklich aus, daß auch Anwesende, welche die Flugmaschine bestiegen, sich mit derselben auf- und niederließen. Der Versuch bestand darin, daß Claudius am Dachstuhl des Kxerzierhauses zwei Rollen 30 Fuß voneinander befestigte; an der einen Seite der Rollen hing die Flugmascliine, an der andern das Gegengewicht an einem über die Rollen gehenden Seile. Die Flugmaschine wog 30 Pfund, der Korb 10 Pfund, der Künstler 140 Pfund; zusammen also 18« Pfund. Das Gegengewicht war anfangs 170 Pfund schwer. Durch Versuche aber ergab sich, daß nur ein Gegengewicht von

118 Pfund nötig war, um sich durch 12 Flügelschläge bis an den Dachstuhl zu erheben. Claudius konnte sich demnach mit seiner Flugmaschine um 08 Pfund erleichtern. Dann entfaltete er den Schirm, sodaß er imstande war, sich in der Luft wieder um 45 Pfund leichter zu machen. Durch 12 Schläge näherte er sich wieder dem Erdboden, während das Gegengewicht bis zum Dachstuhl in die Höhe ging. Ks stand also ein beliebiges Steigen und Sinken in der Macht des Künstlers.

Worin bestand nun die Maschine, das sogenannte Flugwerk Vl) Die Hauptteile der Maschine bilden 2 Schirme, von denen sich der eine über dem Kopfe, der andere (mit aufwärts gekehrtem Maslei unter den Füßen des Luftschiffen befindet. In der Mitte /.wischen beiden Schirmen steht der Künstler, in einem 3 Fuß langen und ebenso breiten Behälter von der Gestalt eines umgekehrten Bienenkorbes, der ihm bis zu den Hüften reicht. Der obere Schirm, der die Hebung erzielen soll, hat einen Durchmesser von Di Fuß, folglich 48' im Umkreis und wird durch einen am Mast befestigten QuergrilT, welcher auf 2 Federn ruht, um 2'0" wechselwei.se empor- oder heruntergezogen.

Claudius' Ballon mit oberem und unterem ■ zu--umh. .,, '■ i i|.|.i.-ti Zug»« hirni /um II. heu l.r/w. Senken. Au- dem Original • Au-fuhrlicho Nachricht meiner Lnft-Hei-i-n u*w » tKU,

Au-ilührlirhe Nachricht meiner Luft-Reisen nebM der Ahhilduug meines Flugwerks und defsssn

liexehreihuiig von Carl Friedrich Claudia*. S. Aufl. Berlin IW.

»•fr» 289 €-4-**

Der untere kleine Schirm, dessen Mast von unten in den Korb des Luftschiffers hineingeht, ist beim Steigen zusammengefaltet; will der Luitschiffer sinken, so breitet er diesen Schirm aus, vermittelst eines Federmechanismus, und hebt oder zieht den Mast desselben wie beim Uberschirm empor oder herunter. Der ausgebreitete Schirm fängt nun die Luft auf und hält den Ballon vom Steigen ab, der bei jedem einzelnen Zuge mit dem Schirm ruckweise gegen die Erde hinabgezogen wird.

Um das Emporheben der Flügel ohne Mühe zu erreichen, waren die Bestandteile derselben aus möglichst leichten Stoffen zusammengesetzt. Die Schirme der Flügel bilden ein Skelett von vertikalen Rohrstäben und horizontalen leichten Holzbogen; sie sind überzogen mit lauter einzelnen Streifen oder Klappen aus gefirnißtem Papier, welche nach oben zu immer die gleiche Höhe von 1 V» Zoll, aber verschiedene Breite, von 1—10 Zoll, haben. Diese Klappen werden durch seidene Schnüre an dem Rahmen stark befestigt und öffnen sich beim Emporheben des Schirmes und stehen wie die Schaufeln eines Mühlrades, so daß die Luft widerstandslos durchstreichen kann.

Beim Herunterziehen des Schirmes schließen sich alle Klappen, der Schirm scheint aus einem einzigen Stück zu bestehen, und die Luft, welche sich unter dem Schirm befindet, wird jetzt mit Gewalt herabgedrückt.

Bei Claudius vertritt der Schirm die Stelle der Flügel und hat die Wirkung von 2 solchen, in der Länge und Breite von je 8 Fuß. Bei dem System Degen sind die Flügel auf jeder Seite angebracht und müssen mit der Kraft jedes einzelnen Annes auf- und niedergebeugt werden. Das <System Claudius> hat den Vorteil, daß der Künstler den Mast des Schirmes mit beiden Händen gerade vor sich her aufheben und wieder niederziehen kann.

Die ganze Maschine hängt, wenn eine Luftfahrt im größeren Stile projektiert ist, an einem Luftball, der zwar auf gewöhnliche Art mit verdünnter Luft gelullt ist, dem man aber nicht mehr Steigekraft gibt, als notwendig ist, das Körpergewicht des Luftschiffers und seiner beiden Schirme vom Boden emporzuheben und in der Höhe zu halten. Da aber bei so geringer Hebekraft der Ball im Falle eines starken Windes, gegen welchen die Wirkung des Hebeschirmes noch nicht erprobt war, und gleich beim ersten Aufschwung gegen Bäume geschleudert werden konnte, so gab ihm Claudius bei seiner Auffahrt am ö. .Mai 1811 eine Hebekraft, weit stärker, als diejenige war, welche er mit dem Senkungsschirme überwältigen konnte.

Claudius überschätzte die Kraft seines Hebungs- und Senkungsschirmes und betrachtete den Luitball als ganz von ihnen abhängig. Durch den untern Schirm kann nach seiner festen Überzeugung jede willkürliche Senkung und schließliche Landung erreicht werden. Der Luftschifler braucht daher nicht, wie bisher, das Ventil des Balls zu öffnen und das teure Gas ausströmen lassen; er kann nach Belieben seine Reise unterbrechen, von den Strapazen ausruhen und dann mit Hilfe des oberen Schirmes die Steigkrafl des Balls vermehren oder unterstützen, die eine oder andere der verschiedenen

Luftströmungen benutzen, um sich nach einer vorgesetzten Richtung fortzubewegen und nach Belieben endlich langsam und sanft an irgend einem Orte auf festen Boden herabzulassen.

So optimistisch dachte Claudius, und wäre ihm am 5. Mai 1811 die Durchführung dieses praktischen Gedankens gelungen, so hätte er der Nachwelt manch Kopfzerbrechen erspart. Schon am 15. Oktober 1810, als dem Geburtstag des damaligen Kronprinzen (nachmals König Friedrich Wilhelm IV. u wollte Claudius eine Luftreise antreten. Aber ungünstiges Wetter verhinderte den Versuch, und Claudius erlitt einen Verlust von 500 Talern. Dies wirkte ziemlich niederschlagend auf ihn, sodaß er die Reise aufs nächste Jahr verschob. Am 5. Mai 1811, abends nach 5 Uhr trat er dieselbe bei anfangs günstiger Witterung vor einer zahllosen Menge von Zuschauern an, und vollendete sie glücklich, d. Ii. er kam mit heiler Haut davon, nachdem er in 2 Stunden 18 deutsche Meilen, die Strecke von Berlin bis Gartz, bei Stettin, zurückgelegt hatte.

Wind und Wetter ereilten den kühnen Luftschiff/er in der Nähe der Ostsee; sie hatten bessere Flügel als er, und überwältigten zuerst die Kraft seines Ankers, der \ Zinken verlor. Cm wie viel mehr mußte der Mast seines Senkungsschirmes dasselbe Schicksal erfahren! Die schiefe Lage, in welcher der Sturm (bei Gartz, nahe der Ostsee) den Luftball gegen die Erde herabdrückte, vereitelte alle Gegenwehr mit dem Schirm und Claudius mußte sich ganz ruhig fortschleudern lassen, in der Hoffnung, daß irgend ein Wald diesem wilden Treiben ein Ziel setzen werde. Nachdem der Ballon hart an einigen Dörfern vorbeigerast und über einen Teich, quer durch denselben gestreift war, verling er sich endlich in einer Gruppe von Fichten, hart am Rande eines Sees. Die Zweige der Bäume zertrümmerten zwar vollends den Rest des so lange auf der Erde fortgeschleiften Hebeschirmes, aber verstrickten sich zugleich in das Netz des Ballons und halfen ihn festhalten. Claudius hielt sich mit der einen Hand am Baume fest, mit der andern schlang er das Ankertau um den Stamm, und als auf diese Weise der Ballon fest genug war, stieg Claudius aus dem Korbe.

Am 10. Mai vormittags hielt Claudius seinen Einzug in Berlin, nachdem er schon einige Stunden vorher in Pankow seine Angehörigen umarmt hatte. Der Zug ging bis an das Schönhauser Tor. dann außerhalb der Mauern bis an das Prenzlauer Tor und hier in die Stadt hinein, vor der dicht am Tor befindlichen Wohnung des Luftschiffers vorbei, aus welcher drei sich daselbst freiwillig eingefundene Musikchöre mit Pauken und Trompeten erschallten und wo ihm ein sinniges Gedicht überreicht wurde. Der Zug ging bis zum Palais des Königs und des Kronprinzen, welche beide abwesend waren. Am Abend des Tages erschien Claudius im Theater und wurde vom Publikum lebhaft applaudiert.

Am Ii. Juni 1811 veranstaltete Claudius eine zweite Luft reise, die er abermals bei Stettin beendete. Die kriegerischen Ereignisse ließen alle Künste des Friedens in den Hintergrund treten. Nach hergestelltem Frieden

verwandte Claudius in Verbindung mit seinem Schwiegersohn auf die Verschönerung seines Landgutes, auf die Erweiterung seiner Fabriken allen nur möglichen Fleiß. Im Jahre 1833 zog er sich von allen Geschäften auf sein stilles Gütchen bei Lichtenberg zurück, mit dem festen und unwandelbaren Entschlüsse, immerdar für das beste seiner Mitbürger und des Staates überhaupt zu wirken. Wann er mit dem Tode abgegangen, ist uns nicht verbürgt.

Wie einst der Sieg des Miltiades über die Perser bei Marathon dem ehrgeizigen Themistokles die Nachtruhe raubte, bis er selbst noch größere Siege davontrug, so wirkte auch die Nachricht von den Triumphen Degens in Wien auf das Gemüt eines schwäbischen Schneiders, namens Albrecht Ludwig Berblinger, besser bekannt unter dem Namen «der Schneider von Lim», derart ein, daß er alles hintanzusetzen und nicht eher zu ruhen beschloß, bis er dem geistigen Nebenbuhler die Palme des Sieges entwunden hätte.

Im März des Jahres 1811 zeigte sich ein prachtvoller Komet am Himmel und konnte über ein halbes Jahr bewundert werden. Ein solcher Kometstern war nun allemal ein sehr merkwürdiges Ding, wenn er so auf einmal unangemeldet und unbeschieden am Firmament sichtbar wurde. Die Leute schauten das Wundergestirn mit Begierde und Staunen an und dachten bei sich: So ein grosser erschröcklicher Komet mag wohl wieder ein ruthen sein, die uns der liebe Gott an diss grosse himmelsfenster stecket, wo mit er uns ein harten streich drohet.» — Man rechnete sieher darauf, es entstände innerhalb Jahresfrist ein Krieg oder ein Erdbeben oder es gingen ganze Königreiche unter, oder es stürbe ein Monarch oder geschähe sonst etwas, woran niemand eine Freude haben möchte. Wenn man aber vom Jahre 1811 an an die letzten 20 Jahre zurückdenkt, an die große französische Revolution, an das Ende des Königs Ludwig XVI., an die blutigen Kriege in Deutschland, in den Niederlanden, in der Schweiz, in Spanien, an die Schlachten bei Austerlitz und Eylau, bei Aspern und Wagram; wenn alle diese Jahre von 1789—1811 ein anderer Komet, ja sogar zehn auf einmal, am Himmel erschienen wären, es hätte wohl keiner von ihnen mit Schimpf bestanden. — Doch, warum sollte ein Komet immer Krieg und Unheil bedeuten, konnte er denn nicht auch einmal Flieden und Gottes allmächtigen Schulz bringen?

So dachten auch im Jahre 1811 die guten Bürger der ehemaligen Reichsstadt Lim, als der Komet über ihren Häuptern zu leuchten anhob. Trugen sie sich doch mit großen Hoffnungen, die an den Besuch des ersten württembergischen Königs Friedrich in ihrer Stadt geknüpft waren. Acht Jahre vorher halte Ulm durch den Reichsdeputationshauptschluß seine Reichsfreiheit eingebüßt und war die Hauptstadt des bayrischen Oberdonaukreises geworden, um später infolge des Wiener Friedens (14. Oktober 1809) an Württemberg als das Stammland abgetreten zu werden. Erfüllten sich auch

nicht alle Hoffnungen, welche die Bürger auf den Kometen und noch mehr auf den Besuch des Königs setzten, so wurde doch das Jahr 1811 für die Stadt Ulm ein denkwürdiges, als es einen Mann auf den Schauplatz zauberte, welcher den kommenden Geschlechtern unter dem Namen «der Schneider von Ulm» in angenehmer und erheiternder Erinnerung bleiben wird.

Von jeher gehörten, so heißt es in einem gelehrten Buche, die Schneider obenan zu den Berufsarten, die unter dem Volkswitz viel zu leiden haben. Das Schneidergewerbe gilt vielfach als etwas niedriges und verächtliches, der Schneider selbst als armseliger Mensch: auch wegen ihres schwächlichen Körperbaues und unansehnlichen Äußern sind sie ein Gegenstand des Spottes; als hervorstechendste geistige Eigenschaft der Schneider gilt die Furcht, wiewohl durch geschichtliehe Zeugnisse erwiesen ist, daß bei Aufständen und Volksbewegungen aller Art gerade Schneider sich sehr häutig beteiligen. Dabei gellen sie als Großspreeher, verstehen alles besser und versuchen es gerne, sich über andere Stände hinwegzusetzen. — Derart gesinnet und gemutet war auch unser Mann, der durch sein Beginnen unsterblichen Ruhm zu ernten erholTle, jedoch nur Spott und Hohn erlangte, so daß er es für gut fand, auf einige Jahre seiner undankbaren Vaterstadt den Rücken zu kehren.

Albrecht Ludwig Berblinger, genannt der Schneider von Ulm, erblickte am 24. Juni 1770 als Sohn eines Zeugamtsknechtes zu Ulm das Lebenslicht, stand also zur Zeit, wo er das Fliegen probierte (30. und 31. Mai 1811) ein Jahr über vierzig, dem Aller, in welchem, wie genugsam bekannt ist, die Sehwaben sich entwickelt haben. Er wohnte damals wahrscheinlich am Münsterplatz, in der Hafengasse C 243. wo sich heute die Wirtschaft Zum Bebstöckle» befindet. Leider verkünden uns nur kurze Abrisse in dürrer Prosa seine Talen: was davon die Nachwelt überkommen hat, sind nur größtenteils anonyme Spottgedichte, zwischen denen die Wahrheit nur mühsam durchsickert. Berblinger wird uns darin als ein Mann von hagerer Gestalt geschildert. .Mancher blieb wohl verwundert stehen, wenn er den Schneider zur gewohnten Morgenstunde heftig mit den Fingern gestikulierend, mit gebücktem Haupte voll wichtiger Sorgen einherspazieren sah. Oft bestieg et auch das Münster und trat ohne Bangen auf den Kranz hinaus, wie wenn er gegen Absturz gefeit wäre.

Umkreist von den aufgescheuchten Dohlen, in deren bisher unbestrittene Behausungen er ungestraft eingedrungen war, starrte er lange in die Luft hinaus, tun unbefriedigt wieder auf sicherem, festem Boden zu erscheinen. Was Wunder? daß seine Mitbürger schlecht von ihm dachten, und die allgemeine Bede ging, es sei bei dem Schneider nicht ganz richtig. Zudem ging er seinem Handwerk nicht mehr mit dem gewohnten Fleiße nach, sehloli sich tagelang in seine Rumpelkammer ein. schneiderte, hämmerte und schmiedete darauf los: doch wußte er sein ganzes Tun und Treiben in ein geheimnisvolles Dunkel zu hüllen, so duli die Leute erst recht in ihrem ungünstigen Urteil über ihn bestärkt wurden. Doch welche Überraschung!

als anfangs leise, doch bald wie eine Welle anschwellend, das Gerücht die Runde durch die Stadt machte, der angeblich verrückte Schneider habe eine Flugmaschine erfunden, mit der er schon in einigen Wochen sich vor der erstaunten Mitwelt produzieren werde. Diese Nachricht fand aber noch nicht allgemein Glauben, da man den Schneider als Großsprecher kannte, und auch der Dichter dachte so, wenn er also anhub:

<Was? Wie? Der Schneider, ist er toll? Will (liegen? — Ja, das soll er wohl Recht hübsch nur bleiben lassen!» So ging es fort von Mund zu Mund, Denn Jedem war das Ding zu rund, IJnd keiner wollt' es glauben.

(Der Wundervogel oder der (liegende Schneider. Strophe 10.)

Doch günstiger urteilte die Presse über Berblinger, wie aus einer Notiz im Schwäbischen Merkur (Ulm de dato 24. April 1811) ersichtlich ist. « Nach einer unsäglichen Mühe», so heißt es dort, «in der Zeit von mehreren Monaten, mit Aufopferung einer beträchtlichen Geldsumme und mit Anwendung eines rastlosen Studiums der Mechanik ist es dem hiesigen Einwohner Berblinger gelungen, eine Flugmaschine zu erlinden, mit der er in einigen Tagen hier seinen ersten Versuch machen wird, an dessen Gelingen er, durch die Stimmen mehrerer Kunstverständiger bestärkt, nicht im Geringsten zweifeln zu dürfen glaubt.»

Wie kam es, daß Berblinger Nadel, Zwirn und Schere fahren ließ und sich auf dem Gebiet der Mechanik verlor? Die Kunst zu fliegen schien in damaliger Zeit immer mehr ein Gegenstand des allgemeinen Strebens geworden zu sein. Nachdem der berühmte Wiener Mechaniker Jakob Degen in zwei Vorstellungen (13. und 15. Nov. 1808) den Beweis geliefert hatte, daß das Aufsteigen des Menschen mit Flügel (freilich mit Beihilfe eines Luftballons) kein unlösbares Problem mehr sei, und der Ruhm seiner Erfolge sich auch innerhalb der Mauern Ulms verbreitete, da war es um Berblinger geschehen.

« Doch einst hört' er, wie bekannt, dass Degen In Wien auf's Fliegen wollte sich verlegen: Und da dacht" er dann, kann's anderen gelingen, Ei, so kann das Ding auch ich vollbringen!» Hasch entstanden unter seiner Nadel Rot und weisse Flügel ohne Tadel, Schön von Seide----.

Dadurch war unser Schneider flügge geworden. Der < Mechaniker» Berblinger hatte ein wahres Meisterstück geliefert. Denn obgleich jeder der

■) Vergleiche. «Der Schneider von l'lni' von Veit von Veitsherg. F.in Fhiggedicht. Heullingeti bei Friedrich Schradin, l&S'X » •Ikaru." der Zweytc.»

«Der fliegende Schneider.» » «Goldenes A HC für den Schneider Bcrhlingcr.. A. 0. 1*11.

» «Auf Rerhlingor.»

• «Schneiderlied..

» «Der Wandervogel oder der (liegende Schneider.' 1,'lm ihvj,

» «Der hellügelte iicisHrmck.» — Eine Fahel.

Illuitr. Aeronaut. Mitteil. VIII. Jahrg

•»fr» 294 €44«

Flügel über 7 Schuh lang und ausgespannt am Schulterteil fast 4 Fuß breit war. so waren sie doch nicht schwer zu nennen. Sie wurden an den Schultern und Armen festgeschnallt. Da wo die Hand des ausgestreckten Armes zu liegen kam, war der Vereinigungspunkt der dünnen Eisenschienen, welche sich enge aneinander legten, wenn man die Hand zusammenzog.

Öffnete man diese wieder, so ging auch das Gerippe wie ein Regenschirm auseinander, und die Flügel waren ausgespannt. Es war demnach anscheinend alles in Ordnung, und es fehlte gar nichts mehr, als durch einen öffentlichen Flug zu beweisen, daß die neue Erfindung mehr denn ein lächerliches Hirngespinst sei. ') (Die Beilage des Heftes gibt die Zeichnung der Maschine.)

Da verbreitete sich die frohe Kunde von dem bevorstehenden Besuche des Königs, was die ganze Stadt in die freudigste Stimmung versetzte. In der Sitzung, in der sich die Herren Stadtväter über die Festlichkeiten zu Ehren des allergnädigsten Landesherrn berieten, kam auch das Gesuch des Schneiders Berblinger zur Sprache, zu Ehren des Herrn Königs von Württemberg und seiner getreuen Stadt Ulm seinen ersten feierlichen Probeflug vom hohen Münsterturme herab machen zu dürfen. Dieses Projekt wurde aber in Anbetracht der Höhe des Turmes und der großen Gefahr nicht allein für den Luftkünstler als auch für die Zuschauer als allzu gewagt abgelehnt. Da das Urteil der Herren Sachverständigen über die Flugmaschine selbst überaus günstig und über allem Zweifel erhaben lautete, so wurde Berblinger die Erlaubnis gewährt, sein Kunstwerk vor dem Hohen Magistrat im Rathaussale -ad oculos» demonstrieren zu dürfen. — In reilliche Erwägung wurde die Frage gezogen, ob die Stadt mit Ehren den Schneider fliegen lassen könne oder nicht. Mißlang das Unternehmen, was doch nicht ganz ausgeschlossen war, so war die ganze Stadt vor dem König blamiert, der den tollen Vorgang als schlechten Witz aun'assen und den Bürgern seinen Unmut darüber entgelten lassen konnte. Andererseits war man von der Überzeugung durchdrungen, daß durch fragliehe Erfindung, welche dem Geiste eines Ulmer Bürgers entsprungen sei, im Falle des Gelingens die Stadt sich bei Seiner Majestät einen großen Slcin ins Brett setzen mußte. — Hatte doch schon vor drei Jahren in Wien ein hergelaufener Uhrmacher sich bis zu einer Höhe von 800 Fuß emporgearbeitet, warum sollte dieses Kunststück ein Ulmer Bürger nicht noch glänzender fertig bringen, nachdem sich doch die Stadtvertreter mit eigenen Augen von der unzweifelhaften I^istungsfühigkeit des Dädalischen Kunstwerkes überzeug! hatten.

Die Dinge nahmen so für Berblinger eine unerwartet günstige Wendung. Noch vor kurzem verlachte, ja verhöhnte man geradezu das verkannte Genie. Nun aber wurden die Spötter kleinlaut und versteckten sich hinter den

i; Vergleiche: Fliegende Blätter. München. Vertag von Braun und Schneider.

Der Schneider von Ulm F.ine wahre Begebenheit, erzählt von Dr. Alexander Ringler. Bands

Nr. «!* - 72.

Plugma x <*hi n c verfertigt von Berblinger in l.'lm.

L n f t r e i * * des getlfise'.ten Schneiden von L'lm im Jahre

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Reihen der Bewunderer. Allgemein war das Staunen über die Erfindung, welche für die Zukunft von ungeheurer Bedeutung sein konnte. Zwar war nicht ausgeschlossen, daß die neue Flugmaschine noch kleine Mängel aufzuweisen hätte, jedoch durch wiederholte Versuche würden diese bald gehoben sein und praktischen Verbesserungen weichen. Die Erfindung trug, darin stimmten alle Ulmer Bürger überein, den Keim einer vollständigen Umgestaltung aller bisherigen Verhältnisse, sowohl in Kriegs- wie auch in Friedenszeiten, in sich.

Es wurde demnach der Beschluß gefaßt, Berblinger die hohe obrigkeitliche Bewilligung zu erteilen, die Festlichkeiten der guten Stadt Ulm zu Ehren des allergnädigsten Königs durch seinen ersten Flug krönen zu dürfen, und ihm die Wahl des Platzes (den Münsterturm ausgenommen) selbst zu überlassen. Zur Deckung der bisher erwachsenen, nicht unbeträchtlichen Kosten durfte Berblinger seine Flugmaschine im großen Saale • Zum Goldenen Kreuz» gegen mäßiges Eintrittsgeld dem Publikum zugänglich machen. Uberaus groß war dorthin der Zulauf der Menge.

- Indessen brachte gar witzig und schlau Der seltene Künsller sein Flugwerk zur Schau Und holte damit sich ein artig Stück Geld, Es hatt' hier nicht an Gästen gefehlt:

Was fahren konnte und reiten und geh'n Begab sich zum Saal, die Flügel zu seh'n, Mit glänzenden Phrasen vom Schneider probirt, So ward die Neugierde lang amüsirt. »

Einmal soll er auch dort zur Abendzeit einen Flugversuch veranstaltet haben, um jedem Gelegenheit zu bieten, die letzten Bedenken über seine Kunst fahren zu lassen. Aber Platzraum, sowie die Neugierde und Zudringlichkeit des Publikums hinderten den Künstler, seine Flügel voll und mächtig zu entfalten.

< Nicht ist ein Kunst-Stück gut zu machen, Sieht Jedermann die Sieben Sachen. >

Zuschauer auf den Galerien faßten die Flügel, während andere durch das Loch, wo der Kronleuchter heruntergelassen zu werden pflegte, mit Stricken den Vogelmenschen dem festen Boden zu entrücken versuchten, so daß Berblinger Gefahr lief, sich den Schädel am Plafond zu verletzen.

«Ist die Verbindung mit den Schwingen, Und höher er fürwahr nicht kann.

So muss die Hexerei gelingen: Er müsste sonst den Kopf sich knicken

Der droben hilft ihm tüchtig fort; Und seinen Schädel sich eindrücken.»

Seht, seht! er flügelt schon vom Ort. ....................

Er fleugt so hoch fast als drei Mann, Er kommt herab und kündigt an,

Hier reiche weiter nicht die Hahn.

Endlich konnte der Tag der Ankunft des Königs in Ulm genau festgestellt werden. Es sollte der 29. Mai sein. Nun war es für Berblinger höchste Zeit, einen passenden Ort zur Ausführung seiner Luftreise auszusuchen. Man riet ihm als solchen die Bastei an, hoch über der Donau, neben dem früher hier befindlichen, mit einem Dache versehenen Erker oder

Wachtturm, gerade über den in Stein gehauenen Reichsadler, den man aber nur vom jenseitigen Ufer aus sehen kann. Dort wurde ein hölzernes Gerüst von 24 Fuß Höhe errichtet, und da die Mauer bis ans Wasser hinunter auch ungefähr 40 Schuh hoch war, so berechnete sich die Entfernung bis zum Wasserspiegel auf einige 60 Schuh. Die Wahl des Platzes war in jeder Beziehung eine günstige, da die Donau- gerade an dieser Stelle recht tief war, so daß Berblinger keine Gefahr lief, sich Hals und Bein zu brechen, wie auf dem Münsterplatz.

Über den weiteren Verlauf der Ereignisse finden sich in einer handschriftlichen Chronik1) für die Zeit von 1784—1812 eines Ulmischen Webermeisters, dessen Name aus dem zur Hälfte abgerissenen Titelblatte nicht ersichtlich ist, folgende Aufzeichnungen: «Am 29. Mai 1811 zwischen 4 und 5 Uhr Abends genoss die Stadt Ulm das grosse Glück, seinen aller-durchlauchtigsten neuen König und Herrn mit seiner zahlreichen Suite unter dem Donner der Kanonen und Geläute der Glocken vor und in ihren Mauern zu empfangen. In seiner Begleitung befanden sich der Kronprinz Friedrich Wilhelm, die Brüder des Königs, Herzog Wilhelm und Herzog Heinrich, Prinz Adam usw. Der König geruhten in der Wohnung des K. Gouverneurs. General von Hayn, abzusteigen und zu logieren. Alle Bürger und Inwohner Ulms sind voll Freude und Vergnügen, auch selbst der Himmel schenkte ein gutes Wetter dazu. Sein Empfang, welchen er von dei Geistlichkeit wie auch von der weltlichen Regierung und aller Generalität eine kleine Strecke vor dem Frauenthor unter dem Triumphbogen erhielt, wurde von Ihm, dem König, auf das Freundlichste und Liebenswürdigste angesehen, welches seine heitere Miene bezeugte. Alle Schulkinder erwarteten Ihn mit dem grösslen Vergnügen, um Ihm mit Jubelgesehrei zuzurufen : «Es lebe unser König Friedrich!» und überall wurden Lorbeerkränze und schöne Inschriften angebracht. Abends um 8 Uhr fuhr er von seiner Wohnung weg in das Theater: nach diesem fuhr er beinahe in allen Hauptstrassen der Stadt herum; die Illumination ist so prächtig veranstaltet worden, dass sich jedermann verwundern mussto; besonders schön waren das Münster, die Hauptwache, der sog. Fischkasten tSyrlinsche Brunnen) beim Rathaus und mehrere andere Gebäude der Stadt. Den 2. Tag, als am 30. Mai, Donnerstag Nachmittag, will sich der König ein Vergnügen machen, weil sich ein Bürger von hier, Nahmens Berblinger, ein Schneider seiner Profession, schon eine geraume Zeit zuvor beschäftigt hat, eine Flugmaschine zu verfertigen, um auf die Ankunft des Königs parat zu seyn, welches auch geschehen ist. Er bekommt vom König ein Geschenk von 20 Louisd'or und die Erlaubnis, seine Kunst zu vollbringen. Allein ein solches misslung ihm....»

Am Vormittag des 30. Mai ritt Berblinger, mit weiß-rotem Gewände und Schärpe geschmückt, von Trompetern und Paukern begleitet, nach Art der Kunstreiter, in größter Parade durch die Straßen der Stadt und ver-

i< Im Ijesili des Herrn Ingenieurhauptmanns a. D. Fr. Geifer, Ken-Ulm.

kündete mit lauter Stimme, er werde sich heute Abend um 5 Uhr mit aller-gnädigster Erlaubnis des guten Königs vor diesem und coram publico von der Adlerbastei aus mit seiner neuerfundenen Flugmaschine produzieren. Da schon einige Zeit vorher die bevorstehende Luftreise weit und breit bekannt gemacht worden war, so fehlte es in Ulm nicht an Fremden, welche weniger die Liebe und Verehrung Tür den neuen Landesherrn, als vielmehr die Neugierde, den Vogelmenschen mit eigenen Augen zu schauen, auf Meilen weit herbeigelockt hatte. — Schon mehrere Stunden vorher strömte das Volk den Toren der Stadt zu, um sich am jenseiligen Ufer aufzustellen; doch vorher wurde jedem, der die Brücke passieren wollte, nach Lage und Stand, von eigens dazu aufgestellten, der Tagesfeier entsprechend bunt gekleideten Männern ein Geldstück bis in der Höhe von einem Batzen abgerungen. Auch auf der Stadtmauer, in der Nähe der Adlerbastei, kursierte lleißig die Sammelbüchse.

Die Thorr, die zur Donau führen, Lässt ohne Murren sich brandschatzen:

Kann man nicht ohne Geld passiren: Denn, einen Schneider (liegen sehen, Dennoch wagt Jeder seinen Batzen, Muss freilich über alles gehen!

Pünktlich war der König mit seinem Hofstaat erschienen; er befand sich in der heitersten Stimmung, als hätte er eine Vorahnung von dem komisch-tragischen Ausgang des bevorstehenden Spektakuls gehabt. Rauschende Musik ertönt jetzt, zum Zeichen, daß der Schneider parat sei, die schwindelnde Höhe zu besteigen. Aber — geschwunden ist das selbstbewußte Auftreten, das er am Vormittag noch an den Tag gelegt hatte. Zitternd und zagend besteigt er die Leiter, bei jedem Schritt begleitet von den aufgeregten Zuschauern, welche ihn nach ihren Begriffen glossieren:

...... der demonstriert.

Es plumpse der Schneider herunter wie Blei, Und jener behauptet, er fliege wie Spreu.

Oben angelangt, wird Berblinger von dem brausenden Beifallsgeschrei der Menge begrüßt. Nachdem man die mächtigen Schwingen vorsichtig zum gewaltigen Postament hinaufgewunden, beginnt die Ausrüstung des Künstlers mit seiner Maschine, die man ihm an Hände, Rücken und Füße schnallt. Dies geschehen, ertönt aus tausend Kehlen der Ruf: «Seht, schon fliegt er!» «Noch nicht!» tönt es aus cbensovielen zurück. Und der Schneider kam auch nicht zum Fliegen. Er tanzt, mit den Flügeln flatternd und schlagend, einige Male auf dem Podium herum. Plötzlich senkt sich ein Flügel, und mit kleinlauter Stimme ruft der Schneider den Nächststehenden zu, es sei alles Versuchen vergebens, da wahrscheinlich während des Aufziehens etwas gebrochen worden sei. Mit diesen Worten tritt er von der Bühne ab.

«Ach, ein Flügel brach entzwei; er muss mit Schweigen Schmählich vom Gerüst heruntersteigen.» Während die Erbitterung der Menge ungeheuer war, schon in Anbetracht der Gegenwart des Königs, gaudierte sich dieser höchlichst über den Vorfall

und befahl, daß alle Vorkehrungen getroffen würden, um den verunglückten

Flugkünstler vor der Volkswut zu schützen.

«Schellend thul die Menge sich zerstreuen, Fluchen hört man liier, dort droh'n. dort schreien; Mitleidsvoll verläset din auch der gute König. Keine Straf — ist für den Wicht zu wenig.»

So war der erste Flugversuch Berblingers, wenn auch noch nicht zu Wasser geworden, wie es laus darauf im wahren Sinne des Wortes geschah, aber doch als vollständig mißlungen zu betrachten.

Am 31. Mai reiste der König programmäßig früh morgens von Ulm wieder ab. Wollte Berblinger sich noch fürder unter den Augen seiner Mitbürger blicken lassen, so mußte er wieder gut machen, was er vielleicht nicht ohne sein Verschulden verbrochen hatte. Denn allgemein hieß es, er habe in seiner Verzweiflung absieht lieh und unbemerkt eine Spange losgeschraubt, um so der augenscheinlichen Todesgefahr zu entrinnen.

Des Königs Bruder, Herzog Heinrich, der damals im aufgehobenen Kloster Wiblingen a. d. Iiier (nunmehr Dragonerkaserne) residierte, soll seiner Entrüstung über Berblinger lauten Ausdruck verliehen und den Schneider in rauhen Worten aufgefordert haben, in Bälde seine Kunst zu vollziehen. Es blieb daher dem Schneider nichts übrig, als einen neuen Flugversuch zu wagen; auch das betrogene Volk verlangte mit Ungestüm sein Geld zurück oder den Betrüger der gerechten Bestrafung überantwortet.

Wie tags vorher, verkündete Berblinger am 31., er werde am heutigen Tage zur gleichen Stunde vollziehen, was ihm leider gestern, ohne sein Verschulden, mißlungen sei. Das Menschengewühl war womöglich ein noch größeres. Auch die königlichen Prinzen hatten sich wieder eingefunden. Dieses Mal erschien Berblinger bereits in voller Ausrüstung auf der Bühne, eher einem armen Sünder vergleichbar, den man zum Galgen führt, als dem kühnen Helden, der sich vom trägen Erdklotz hinweg majestätisch in die Lüfle zu schwingen sucht. Abermals hatte es den Anschein, als sei der Schneider seiner Sache nicht ganz sicher, da er sich wieder aufs Fliegen verlegen wollte. Doch die Zuschauer, welche alle seine Bewegungen mit dem größten Mißtrauen beobachteten, erhoben ein lautes Geschrei, und viellach ertönten die Kufe: «Hinab mit dem Betrüger ins Wasser!»

Janhagel bemerkt es und zischt und schreit

Und poltert und lärmt, weil das Geld ihn reut,

Verpfändet fürs tolle Spektakel. «Herab

Muß der Betrüger, und fand' er sein Grab!»

So hallt's in den Lüften.

Nun gab es kein Zurück mehr. Der Schneider eilt rasch vorwärts, «und wie man geglaubt hat, es gehe wirklieh an das Fliegen, so macht er einen Sprung in die Donau. Das ist die ganze Kunst des Schneiders gewest; Dann die Schiirinann sind schon mit ihren Schiffen in Paratschaft gestanden, die haben ihn herausgezogen. Die Flugmaschine ist verschwunden.» Das Hohngelächter und die Erbitterung des Volkes kannte keine Grenzen, und

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wäre man des armen Schneiders habhaft geworden, so hätte man ihn in die Wellen zurückgestoßen und ertränkt.

«Doch nein! es ist ihm widerfahren, Die brachten ihn zurück zur Stadt. Dass unten treue Kähne waren. Wie's König Fritz befohlen hat. >

Der moderne Ikarus, der über sich und seine Vaterstadt so viel Schmach und Hohn gehäuft hatte, zog es vor, aus den Mauern Ulms auf einige .lahre zu verschwinden; denn auffallenderweise ist im Ulmer Adreßbuch vom Jahre 1812 Berblingers Name und Stand nicht zu finden. Erst im Jahre 1821 tauchte Schneider Albrecht Ludwig Berblinger wieder in der Hafengasse C 243 auf. Doch, da er über seiner Maschine sein Geschäft negligiert und ruiniert hatte, so teilte er das Los der meisten Erfinder; denn er starb in großer Armut am 28. Januar 1829. Seine Witwe lebte noch um das Jahr 1836.

Über die letzten Momente bei dem Flugversuche existieren verschiedene Versionen, so z. B. Berblinger habe, als er wieder das Tanzen probieren wollte, einen so kräftigen Stoß bekommen, daß er senkrecht, «weit über den Kopf» ins Wasser plumpste.

«So rasch ging's in den Fluss hinein, Als war' Herr Berblinger ein Stein.»

Ferner hieß es, der König habe den Schneider unter Androhung von Strafe gezwungen, seine Kunst zu zeigen. Da dieses Gerücht in mehreren Zeitungen Aufnahme fand, so sah man sich vom Hofe aus veranlaßt, in der kgl. württembergischen Hofzeitung unterm 20. Juni folgende Berichtigung erscheinen zu lassen: «Die „Allgemeine Zeitung" und nach derselben mehrere andere deutsche Zeitungen haben bei Erwähnung des zu Ulm verunglückten Versuches, zu fliegen, des Schneiders Berblinger, den sehr auffallenden Beisatz hinzugefügt: Se. kgl. Majestät hätten demselben 20 Louisd'or unter der ausdrücklichen Bedingung zustellen lassen, seinen Versuch des andern Tages noch einmal zu unternehmen. — Es ist ein solches ganz unwahr; die Remuneration ist demselben ohne alle Bedingungen zugestellt worden, und haben bloss Se. kgl. Majestät die nöthigen Befehle ertheilt, um den Berblinger gegen das Missvergnügen der Zuschauer zu schützen. Dass er Tags darauf, nach schon erfolgter Abreise des Königs, seinen Versuch aber ebenso unglücklich wiederholte, geschah der an ihn gerichtelcn Vorstellung und Verwarnung ungeachtet.»

Was war nun wohl die Ursache, daß Schneider Berblinger mit seiner Flugmaschine, wenn man sein Machwerk als solche bezeichnen kann, so gänzlich Mißerfolg erzielte? Diese Ursache ist gewiß nicht auf dämonische Einflüsse zurückzuführen, wie sie in dem im Volksmunde gangbaren urwüchsigen Spruch vermutet werden, wo es heißt:

«Der Schneider von Ulm hat's Fliegen probirt, Da hat ihn der Deix'l in d'c Donau 'neing'führt»,

sondern auf gänzliche Unkenntnis und Außerachtlassung der mechanischen Grundprinzipien. Ein Aufsteigen ohne Gegengewicht war an und für sieh

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ausgeschlossen, es konnte daher nur ein allmähliches und sicheres Hemmen des Falles in Betracht kommen; bei der kurzen Entfernung von 64 Fuß konnte die hemmende Wirkung der Flügel, trotz aller Vorzüge der Bauart, nie zur Geltung kommen. Während Degen und Claudius ihre Arme zu entlasten suchten, ruht bei Berblinger fast die ganze Last der Flügel auf den Muskeln der Arme und Hände, denen noch überdies die schwere Aufgabe obliegt, den Mechanismus des Öffnens und Schließens der Flügel zu vollziehen. Demnach ist der Schneider von Ulm als gewöhnlicher Renommist zu betrachten, und wenig Dank erwarben sich daher die unvorsichtigen Ulmer Stadtväter, daß sie Berblinger, trotzdem er mit seinem Machwerk noch keine öffentliche Probe abgelegt hatte, die Möglichkeit gewährten, als Flugkünstler vor dem König auftreten zu dürfen, und so ist der guten Stadt Ulm «der Fliegende Schneider» als Spottfigur bis auf den heutigen Tag verblieben.

Es trat nun ein scheinbarer Stillstand, eine Periode vorbereitender Ruhe ein. Es genüge daher, bis zum siegreichen Auftreten und Durchdringen 0. Lilienthals, der Anhänger des Kunstfluges, welche von sich reden machten, in kurzen Zügen Erwähnung zu tun, da sie mit ihren Versuchen keine durchschlagenden relativen Erfolge erzielten, sondern damit nur Proben ihres Scharfsinnes ablegten, ohne die Lösung des Problems ihrem Ziele näher zu bringen.

Im Jahre 1845 veröffentlichte Friedrich von Drieberg (geb. 10. Dezember 1780, gestorben 21. Mai 1856) eine Broschüre «Das Dädaleon», eine neue Flugmaschine, Berlin 1845. Er schlägt einen (ledermausähnlichen Flugapparat von 150 q' = 14 qm vor. entsprechend dem Gewichte des Körpers und der Maschine. Der Fliegende bewerkstelligt in wagerechter Stellung durch Treten mit den Beinen den Flügelschlag, da der Mensch gerade in den Streckmuskeln der Leine die meiste Kraft besitzt und diese zur Bewegung der Flügel verwendet werden müsse.

Der Engländer Francis Herbert Wenham, Esquire, hielt am 27. Juni 18öö in der Aeronautischen Gesellschaft von Großbritannien (Aero-nautieal Society of Great Britain) unter dem Vorsitz des Herzogs von Argyll einen Vortrag * Über Ort Veränderungen in der Luft und die Gesetze, nach welchen schwere, durch die Luft getriebene Körper in derselben aufrecht erhalten werden» (On Aerial Loeomotion and the Laws by which Heavy Bodies impelled through Air are Sustaincd). Für Wenham ist der Vogel als Vorbild nicht ausschlaggebend. Die zum Fluge erforderliehe Fläche, weiche den Menschen tragen soll, beträgt 18 m Länge und 1,2 m Breite; die Handhabung derselben ist für den Menschen daher unmöglich. Wenham sucht die Hebekraft der großen Tragfläche auf 6 kleinere, übereinander-gelegte Flächen von 4.87 m Länge, 38 cm Breite und je 0,6 m gegenseitiger Entfernung zu verteilen. Er machte verschiedene Versuche, die

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zwar seine Erfahrungen über die Tragkraft seiner Flächenanordnnng bereicherten, ohne ihn selbst zum Fluge zu befähigen.')

Im .lahre 1872 wurde vom Staate aus nach Berlin eine Kommission berufen, um eine Prüfung der im Laufe der Zeit zutage getretenen aeronautischen Fragen vorzunehmen und ein endgültiges Urleil über die Haltbarkeit und Möglichkeit der Durchführung derselben zu fassen. Das Ergebnis dieser Untersuchungen faßte Helmholtz, Professor der Physik an der Universität Berlin in einer Arbeit zusammen, betitelt: Über ein Theorem geometrisch ähnliche Bewegungen flüssiger Körper betreffend, nebst Auwendung auf das Problem, Luftballons zu lenken-.9) Er spricht darin die Behauptung aus, daß bei zunehmender Größe des Flugkörpers sich die Schwebearbeit in viel bedeutenderem Maße als das Körpervolumen steigere und damit die Muskulatur, welche diese Arbeit zu leisten hat. Auch die Größe der Vögel habe nach seiner Ansicht ihre Grenze und werde im großen Geier in der Natur erreicht. Mit Bezug auf den Menschentlug sei es daher unter diesen Umständen kaum als wahrscheinlich zu erachten, daß der Mensch auch durch den aller-geschicktesten flügelähnlichen Mechanismus, den er durch seine eigene Muskelkraft zu bewegen hätte, in den Stand gesetzt werden dürfte, sein eigenes Gewicht in die Höhe zu heben und dort zu erhalten. Kaum ein anderer Naturforscher der neuesten Zeit übte einen so vollständigen Einfluß aus wie Helmholtz. Dies war nur dadurch möglich, daß seine geniale Erfindungsgabe und experimenlale Geschicklichkeit von tiefer philosophischer Einsicht geleitet wurden und daß er das wichtigste Hilfsmittel der Natur-forschuug, die Mathematik, mit vollkommener Meisterschaft beherrschte.3)

Auf diese vernichtende Kritik aller bisherigen Flugversuche ruhten alle weiteren diesbezüglichen Forschungen fast zwei Jahrzehnte, bis im Jahre 1881) ein bahnbrechendes Werk erschien, betitelt «Der Vogelflug als Grundlage der Fliegckuusl», ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik. Berlin 18SU. Der Verfasser desselben, Ingenieur Otto Lilienthal (geboren zu Anklam 24. Mai 1848, gestorben zu Berlin 10. August 18UÖ) legte darin seine im Verein mit seinem Bruder G. Lilienthal in langjährigen, wissenschaftlichen Studien und Versuchen erworbenen Erfahrungen nieder.

0. Lilienthal erblickt die Lösung der Flugfrage in erster Linie in dem Studium des Vogelflugs und speziell des Segellluges der größeren Vögel und in den Versuchen, ihn nachzuahmen. Er «fing davon aus, daß man nicht gleich daran gehen dürfe, große Flugmaschinen mit Kessel und Dampfmaschine zu konstruieren, wie die Maximsche4) daß sich das Flugproblem

1 The Aernnauti.al Annual. iwici. Ily James Mians, ttostoii. •Wcnh.ini 011 Acrial Locomotion». *i Moedebeck* Taschenbuch fllr Kluglcchiiikcr. 2. Aull.

•1 v. Ib tmhi.lt/, Hermann Ludw. Fi ril . geboren August lN2t zu Potsdam, gestorben X. September lMtfi. v. Ilclmhr.lt/. wurde l*i'.l Prof..«-'.r <)cr Physiologie ii» Ki'migfberg. eO.'i Professor der Anatomie und Physiologie in liomi. )t»js Pri'b ->or der Phy-iologie in Heidelberg, 1HTI Profo-nr der Physik in It.rlin.

4 Maxim und I.iiiirithal waren, wie Jauie* Means zu erzählen weili. nicht gut atifeiimniler zu »precheii. Maxim nennt L. einen .a parachutist • und vergleicht ihn mit einem « Hbvendru FichhOmeheu. a llying-squirrcl .. I.ilicnthal »oll unter An?|iieluug auf die InbolniiiDigkcit der Maxime-h'-n Ma«> hine ge. äußert halieu: .Nach allein ist das Resultat seiner Arbeit, da« er un# g-z-i;'t hat, u :•■ man t> nicht machen «o||.. :After all, the result of his labors ha* only bcen to show us [how not to de it ,i

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nicht mit einem Schlage, durch eine glückliche Erfindung lösen lasse; nur die allmähliche Entwicklung, basierend au!' «lern Studium und der Erkonnlnis der Gesetze des Luftwiderslandes, sowie des Windes auf schwebende Körper und Flächen, werde zu eudgiltigen Erfolgen führen. In der Luft schwebend, müsse der Mensch sich praktische Kenntnisse in der Fliegepraxis erwerben, indem beim wirklichen Fliegen viele eigentümliche Erscheinungen, besonders durch die Unregelmäßigkeiten des Windes au dreien, die sieh der Berechnung ganz entziehen.

l.ilienlhal halte bei seinen Versuchen keine Flügelschläge gemacht; er bemühte sich nur, das Gleichgewicht zu hallen und nicht vom Winde herumgedreht zu werden, gegen den er sieh im Vortrieb durch gewölbte Flächen zu schützen suchte. Aber er halle die Uberzeugung gewonnen, daß es bei längerer Übung schließlich gelingen müsse, durch Flügelschläge beliebig höher zu steigen und durch seitliche Wendungen eine kreisende, steigende Bahn zu beschreiben, wie die großen Segelvögel.

Noch wenige Wochen vor seinem tragischen Ende hatte Lilienthal in der Berliner Gewerbe-Ausstellung in einem Vortrag über seine Erfindung und seine Versuche einen zusammenhängenden Bericht über die Besultate derselben gegeben und hierbei die zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen, die von ihm geschaffenen Anfänge einer Fliegekunst würden sich zu immer größerer Vollkommenheit ausbilden lassen. Als er daran ging, durch eine neue Erfindung einen bedeutsamen Fortsehritt zu erzielen, bei Erprobung einer Horizontalsteuerung, stürzte er von einer Höhe von lö m herab, überschlug sich auf dem Erdboden und brach sich die Wirbelsäule. Der Schritt von den bisherigen Erfolgen und der Erkenntnis der Möglichkeit bis zum ersten wirklich ausgeführten beliebigen freien Flug isl allerdings nicht leicht, aber der Weg zur Erreichung dieses Zieles isl gebahnt und die Hoffnung erscheint nicht mehr als Utopie, es sei die Zeit nicht mehr allzu ferne, wo der Mensch für seine Bewegungen ausschließlich nicht mehr auf die Oberfläche der Erde und des Wassers beschränkt bleiben wird, sondern auch frei durch die Lüfte zu fliegen vermag.1)

Kleinere Mitteilungen.

fbfr die kritische Geschwindigkeit der «Lenkbaren» hat Oberst Benard eine Arbeit verfaßt, welche Maurice Levy der Pariser Acadcmie des »• eiene.es vortrug. Ausgehend von der Beobachtung der stampfenden Schwingungen lenkbarer Ballons bei Erreichung eines gewissen Be'.rags der Vorwärtsbewegung bat Henard versucht, dieser Erscheinung nachzugeben. Ha man schon über Motoren verfügt, welche Geschwindigkeiten bis zu 11 m per Sekunde in Aussicht stellen, wählend die erwähnten Stampfbewegungen schon bei etwa 8—11 in Geschwindigkeit je nach Bauart des Flußschiffes sich geltend machen, so handelt es sich um Bekämpfung derselben, um in Ausnützung der Motor>> W-tgi. Bucli ilf-r KrliiniiHigvfi, II. K.iimI. 1. Teil. I>ir Mecltaiuk odtr 'Ii«.' Lehre von der Beweyurif der Körper. Vuu Ingenieur F.. U«-etil>oc.<m. Leii>/ij:. Ilm. und Vertu? von Otto Spamer. 189«.

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Verbesserungen nicht behindert zu sein. Henard hat in Ghalais mit Modellen kleineren Maßstabes, welche um ihren Schwerpunkt beweglich waren und bestimmten Luftströmungen ausgesetzt wurden. Versuche gemacht. In einem weiten Hohr (Tunnel), welches der Luftstrom durchzog, wurden die spindelförmigen Luftschiffkörper so angebracht, daß sie um beliebige Querachsen schwingen konnten. Ein mit der Schwingungsachs«' verbundener Wagebalken gestattete, durch außen aufgelegte Gewichte bestimmte Neigungen hervorzurufen, bezw. festzuhalten. Die auf die Ergehnisse gegründete Formel erweist die Störungen als proportional zum Quadrat der Geschwindigkeit und als verschieden je nach Form des Luftschiffes. Hie Grenze der Geschwindigkeit vor F.intr-tt stampfender Bewegung soll z. R. beim Typus La France» 10 m. bei Santos Dumont Nr. o" 10.50 m. bei Lebaudy 10,80 m betragen usw. Em in guter stabiler Fahrt zu bleiben, müßte man sich etwa 2 in unterhalb dieser Grenzgeschwindigkeit halten. Ha nun ein «Lenkbarer», der einer Windgeschwindigkeit von Ii m gegenüber Sland halten kann, schon unter den meisten Wetterlagen brauchbar wäre, so erhalt die Frage der Bekämpfung jener Verlikal-schwingungen praktische Bedeutung und man darf auf weitere Ergebnisse gespannt sein. Versuche mit Horizontalsleuern usw. sind in Aussicht gestellt. K. N.

Als srllflte Windgeschwindigkeit konnte man die am Observatorium Foint-Reyes an der Küste des Stillen Ozeans bei San Franzisco am IX. Mai 1902 verzeichnete betrachten. Sie betrug während mehrerer Minuten 03,(50 m per Sekunde, das ist ca. 193 km per Stunde. Doch ist am Observatorium Bjolanisca (Bosnien) durch Herrn Hann eine Geschwindigkeit von ftß m per Sekunde verzeichnet worden. Am 9. Dezember 1901 zwischen 101'20 und 10''30 morgens wurden aber durch M. Brunhes, Direktor des Observatoriums von i'uy de Dome, mittels des Bobinsonschen Aerometers 70 m per Sekunde gemessen. K. N.

Explodierter Ballon. Der Ballon «LeTourisle» mit 3 Insassen (Bacon, Marchetti, Bourdeaux) von der Gasfabrik in Nanterre am 12. Mai, 11 Ehr vormittags, aufgestiegen, wurde von einem starken Westwind erfaßt, auftürmende Wolken brachten tiefen Schatten und Gaskondcnsalion. Ballastausgaben hielten den Fall nicht auf und so trieb der Ballon nach Paris hinein. Von der place de la Bastille an verfolgte eine anwachsende Menschenmenge seinen Lauf Der Lyoner Bahnhof wurde überflogen und bei der place Daumesnil kam das Schlepptau zur Erde, wurde von Leuten erfaßt, dann gerade losgelassen, als der Ballon einem fünfstöckigen Hause zufuhr, das er so übersprang. Einige hundert Meter weiter sank er über der nie des Tourneux. Wieder ergriffen Leute das Tau und schleppten, entgegen den Zurufen der Luftschiffer, den Ballon in die enge rac Edouard-Bobei t, wo durch einen Windstoß die Gondel ein Dachgesimse aufriß, worauf der Ballon gegen ein anderes Haus (Nr. 17) geschleudert wurde und so endlich herabkam, die meisten Fenster desselben sperrend. Die Gondel konnte vom Ballon entfernt werden und die Luftschiffer schickten sich eben an. den Rest (ca. '/•) von ^as auszulassen, nachdem sie Warnungsrufe an Zigarettenraucher hatten erschallen lassen, als eine heftige Explosion erfolgte, die die Fenster einschlug, den Ballon und das Haus, an dem er lehnte, in Flammen hüllend. Das Feuer war rasch bewältigt, doch hatten viele (ca. lö) der an den Fenstern befindlichen Bewohnern zum Teil schwere Brandwunden erlitten. Einer derselben, der sich im Schreck aus dem Fenster in die sich verzehrende Ballonhülle gestürzt hatte, ist seinen Wunden erlegen.

Line große Anzahl von Leuten hat noch Kontusionen pp. erlitten. Die Ursache der Expl'ision. die von einer Stelle zwischen 2. und 3. Stock des Hauses den schwarzen Spuren nach ausging, kann nicht festgestellt werden, denn ebensogut wie eine Zigarre kann auch ein gegen ein Küchenfeuer gezogener Gasstrom die Entzündung vermittelt haben. Elektrische Selbstentzündung scheint ausgeschlossen, denn das Auslaßventil war geöffnet, die Heißhahn auch gerissen, der Ballon zu *,» geleert, als die Explosion eintrat.

Ganz ähnliches, jedoch ohne schlimmen Ausgang, ereignete sich am 8. Juni in

Wien, indem der Ballon (1300 rbm'r «Kxzelsior» dr>s Grafen Szcchcnyi mit diesem und Herrn v. Rerzeviczy unter Führung Oberleutnants v. Korvin nach sehr langsam sich vollziehender Füllung Mittags vom Abteilungsplatz heim Arsenal aufstieg, ca. 1500 in erreichte, durch die sehr schwach gewordene Luflbewogung mehrfach im Kreise um die Stadt geführt wurde und schließlieh über Ottakring zum Sinken kam. Von 10 Säcken Hallast waren schließlich K vergeblich ausgeworfen, als der Fall über einem Gäßchen mit niederen Gebäuden nicht mehr zu hemmen war und sich unter leichten Schäden an den Fenstern. Dachungen pp. vollzog. Der Ilalinn scheint infolge vorhergehender Leistungen undicht geworden zu sein, denn die Tragkraft nahm unverhältnismäßig rasch ab. Die Pariser Katastrophe scheint die gute Wirkung gehabt zu haben, daß hier der Ruf «Zigarren weg!» sofort verbreitet und befolgt wurde.

Auch Herbert Silberer hatte am 21. Mai mil dem •Jupiter- eine Stadtlandung wegen Nachlassen des Windes zu erdulden, die sich in einem Hofe des Allgemeinen Krankenhauses glatt vollzog. Ähnlich erging es feiner zwei Mitgliedern des Aeroclubs am 30. Juni, welche im Prater mit dem Saturn• aufstiegen und denen es glückte, sich durch eine niedrige Luftströmung nach einem leeren Bauplatz treiben zu lassen. K. X.

Versuche, ein Ai'roplnn durch den ItückstoO einer allmählich verbrennenden Feuerwerksmischung zu treiben, hat ein Mr. de («raffigiiy gemacht. An eine mit Komisspitze versehene zylindrische Röhre wurden beiderseits Flügel aus lackiertem Papier, mit Rohr versteift, angebracht, die sich von vorn nach rückwärts um 10° senkten, na* h den beiden Seiten in gleichem Winkel hoben. Auch der Konus trug eine schmale Kartonfläche. Wie eine Kriegsrakete wird auch flieser Apparat auf einen Dreifuß gesetzt, worauf man die am Hinterende angebrachte Lunte entzündet. Die treibende Mischung ist aus kohlensaurem Kali. Schwefel und Kolophonpulver (7:2: Ii zusammengesetzt und hat an den Ufern des Kanals dem Apparat eine Geschwindigkeit von 13 in p. sec. erteilt mit welcher er 1100 in zurücklegte. Praktische Bedeutung könnte die Sache mal nur zur Erprobung verschiedener Gleilllügel haben: doch kommt auch hier die Gewichtsabnahme und ilie Verschiebung des Schwerpunkts während des Fluges in Metracht.

K. N.

Internationales Komitee für Wissenschaft liehe Luftschiffahrt. Die Absicht der diesjährigen Zusammenkunft in Petersburg. August bis 3. September, geht nach Beschluß des letzten Kongresses in Merlin darauf aus, eine bleibende Behörde für Luftschiffahrt zu schaffen, deren Ausgaben regelmäßig von den verschiedenen Regierungen getragen werden sollen. Das lulernaMonale Luftschiffahrtsbureau würde zunächst die Aufgabe halten, die monatlichen Aufstiege zu verzeichnen, die in Deutschland. Frankreich. Schwei/. Spanien, Italien, Österreich und Rußland unternommen werden, ferner die regelmäßigen Drachenaufstiege in Kngland und in Boston. Bisher ist diese Arbeit nach Möglichkeit von Straßburg aus geleilet worden vermöge eines Zuschusses von 18 000 .Mk. seitens der deutsehen Regierung.

Blitzschiair in einen Luftballon auf dem Übungsplatz Senne bei Paderborn am ls. Juni. Der unbemannte Ballon war bereits hoch, als ein Gewitter überraschend heranzog. Die Mannschaften wurden von der Winde zurückgezogen, doch schlug ein Blitz ein, als noch drei Unleroiliziero und ein Lultsi hiflcr sich nahe derselben befanden. Die vier Leute winden zu Moden geschleudert, doch konnten zwei derselben bald wieder zum Dienst einrücken, während ein l'uteroi'lizier und der Luftsehiffer noch am 22. Juni mit Brandwunden an den Füßen in Lazarettbehandlung waren. Ihre baldige völlige Herstellung ist gesichelt. K. X.

Kine schlimme Landung: hatte der «Jupiter- des Wiener Aeroklubs am 4. Juni. Im ;Hl Uhr bei völlig klarem Himmel aufgestiegen und von mäßigem Wind nordwestlich

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getragen, bemerkten die LuftschilTer. als sie beim Kahlenberg die Donau überquerten, schon ein im Südwesten sich entwickelndes Gewitter. Als nach Überschreitung der Nordwestbahn unverweilt gelandet wurde, setzte aber schon der Sturm mit heftigem Stoße ein, hob den Rallon wiederholt, den Korb heftig zu Iioden schleudernd, und schleifte ihn gegen eine felsige Anhöhe. Den Insassen iGraf Dcsfours Walderode, Graf Thun und Herb. Silberen geschah kein ernster Schaden, doch wurde der Ballon vielfach zerrissen.

(Aus «Die Zeit*.! K. N.

Santos Dumont's «Lenkbarer», mit dem er sich am i. Juli am Wettbewerb in St. Louis bewerben wollte, wurde am 20. Juni in der Ballonhalle mit vielfach zerschnittener Hülle in einem Zustand aufgefunden, der jede unmittelbare Wiederherstellung ausschließt und den Aufstieg verhindert. Dem « Berliner Tageblatt» ist die höchst merkwürdige Mitteilung geworden, man habe Santos Dumont selbst verdächtigt, als hätte er einer zu befürchtenden Niederlage durch Zerreißung seines Fahrzeuges vorbeugen wollen wogegen jedoch der Umstand spricht, daß er bereits zu Anfang Juli mit der Wiederherstellung beschäftigt war. Aufklärung ist zu hoffen. K. N.

Die AndreVsehe Luftballon-Expedition, die am 11. Juli sieben Jahre verschollen ist, macht wieder durch einen Fund von sich reden. Dem Direktor Krnst Andree. Bruder des Luftschiffers, ist von zuverlässiger Seite mitgeteilt worden, daß im Jahre 1901 bei Kap Flora auf Franz Josefland ein Messingzylinder gefunden wurde, dessen Deckel die Inschrift «Andrees Polarexpedition» enthält. Daß man dem Fund bisher keine Bedeutung beigelegt, liegt daran, daß man glaubte, der Messingzylinder gehöre zu dem Depot, das der Dampfer «Windward» im Jahre 1897 im Interesse Andrees beim Kap Flora niederlegte. Dies ist aber nicht der Fall, und es bleibt nur die Annahme übrig, daß der Messingzylinder von Andree ausgeworfen ist. Trifft dies zu. dann würde der Fund den Beweis liefern, daß Andrees Ballon über Kap Flora gellogen ist, das an der Südküsle von Franz Josefland liegt. Früher war man der Meinung, der Ballon sei zwischen Spitzbergen und Franz Jesefland ins Meer gefallen. Fs ist daher von Wert, daß der Messingzylinder behufs näherer Untersuchung herbeigeschafft wird, und nach Mitteilung des Direktors Andree ist dazu Aussicht vorhanden. Andrees Ballon stieg am 11. Juli 1H97 an der Nordweslecke Spitzbergens auf. Der erste Fund, der danach gemacht wurde, war eine Schwimmboje, die am 12. Juli abends 11 Ihr aul dem K2. Breilengrad ausgeworfen war. Der Ballon ging um diese Zeit in nord - nordöstlicher Richtung. Die nächste Botschaft, vom 13. Juli datiert, sandte Andree mit der Brieftaube ab. die von norwegischen Fangleuten geschossen wurde. Die Taube war auf demselben Breitengrad, aber westlicher aufgelassen worden. Dann fand man auf dem an der Ostseite von Spitzbergen belegenen König Karlland die sog. Polarboje, eine der großen Bojen, die beim Passit*ren je eines neuen Breitengrades ausgeworfen werden sollten. Ferner fand man je eine Boje bei Island und in der Nähe von Tromsö; und im Eismeer nordöstlich von Norwegen bemerkten Fangschiffer in der Ferne einen Gegenstand, den sie für einen toten Wallisch hielten, der aber möglicherweise der Ballon gewesen ist. Alle diese Gegenstände sind vermutlich durch die Strömung von dem Meeresteil zwischen Spitzbergen und Franz Josefland nach den Fundplätzen getrieben worden. Uber den Weg. den Andrees Ballon gemacht hat. ist man auch heutigen Tages noch nicht im Klaren, und der fragliche Messingzyhndei wird auch kaum einen nennenswerten Beitrag lietrrn.

Weltausstellung in St. Louis.

Die drei Kaskadciipumpen in St. Louis, weh he die großartigen, den MiUe'pwiikl der Weltausstellung bildenden Kaskaden im Betr.ehe erhalt')) werden, sind Zeii1n!'ir,-al-pumpen, von denen jede 30 000 Gallonen Wasser in der Stunde liefeit. Zwei sollen

ständig arbeiten, die dritte bleibt in Reserve, stehen. Das größte Einzclstikk dieser Hicsenpumpen wog 31)0 Zentner. Ein Elektromotor von 2000 Pferdekruften wirtl zum Betriebe der Pumpen verwendet.

Die Weltausstellung bleibt Sonntags geschlossen. Das Gesetz, durch welches der Kongreß fi ()O0(IO0 Dollars für die Ausstellung beisteuerte, bestimmt, daf> die Weltausstellung Sonntags geschlossen bleiben muß. Ks werden deshalb Sonntags nur Personen, die dort angestellt sind, gegen Vorzeigung ihrer Pässe zugelassen werden. Kinder unter fünf Jahren haben an Wochentagen freien Eintritt. Kinder von fünf bis zwölf Jahren haben 25 Cents und Erwachsene 50 Cents zu entrichten. Die Saisoii-karten für Kinder betragen 15 Dollars, für Erwachsene 25 Dollars. Die Tore sollen um G Uhr morgens für Angestellte und um 8 Ehr für Besucher geöffnet werden. Nach 11 I "Iir nachts wird keine Person mehr Eintritt erlangen können, und alle auf dem Ausstellungsplatze weilenden Personen werden ersucht, sobald als möglich nach 11 Ihr den Heimweg anzutreten. Die Ausstellungspaläste werden um 1» Ehr vormittags eröffnet und mit Sonnenuntergang geschlossen.

Aeronautische Vereine und Begebenheiten.

Berliner Verein für Luftschiffahrt.

Versammlung' um 13. Jiiui 1904.

Nach Verlesung der Namen von 28 neuangemeldeten Mitgliedern durch den zweiten Vorsitzenden. Hauptmann v. Tschudi, die satzungsgemäß nach Wiederholung der Verlesung am Schluß der Versammlung als aufgenommen verkündet wurden, erhielt das Wort zu einem Vortrage - Eber einen Apparat zum Messen von Winddrneken und Luftwiderständen mit Vorführung eines Modells» Dr. ing. II. Meißner, einer der Erbauer eben dieses Apparates. Der Vortrag wird an einer andern Stelle dieser Zeitschrift ausführlich wiedergegeben. In der sich anschließenden, sehr lebhaften Diskussion wurde zunächst gefragt, ob die Erteilung des zweiten Preises in dem betreffenden Wettbewerb bereits eine endgültige sei. Die Frage wurde durch zwei der Preisrichter, Geheimrat Prof. Dr. Müller-Breslau und Hauptmann v. Tschudi, als zweifellos bejaht. Dr. Steffen hält den Kernpunkt der Sache durch die Fahndung nicht getroffen, weil mittels desselben der Winddruck nur gegen ebene Flachem, nicht aber gegen beliebig gestaltete Körper gemessen werden könne. Auch gegen die Dichtigkeit der Messung des Winddruckes auf ebene Flächen seien berechtigte Bedenken geltend zu machen : denn e- habe sich ge/.eigt. daß der Winddruck nicht proportional zur Vergrößerung der getroffenen ebenen Fläche zunehme, der auf eine Fläche von einem Quadratmeter ermittelte Wind druck verdoppele sich keineswegs bei Verdoppelung der Fläche, sondern er sei geringer; aber es habe noch nicht festgestellt weiden können, welchem Gesetz diese Änderung des Winddruckes unterliege. Gegenüber den nicht von ebenen Flächen begrenzten Körpern, z. B. Zylindern, seien die Enterschiede des Winddruckes noch viel großer und noch ungleich schwerer bestimmbar. Schwierigkeiten noch nicht gelöster Art bieten auch die verschiedenen Neigungswinkel der vom Wind getroffenen Flächen. Endlich se: von großem Einfluß auf den Winddruck das Material der getroffenen Flächen. Die Kupferplatte des Beißnerseheu Apparates weide andere Resultate geben, als eine Aluminiumplatte an derselben Melle des Apparates und wieder ganz anders werde sich Muiei werk gegenüber dem Winddnick verhallen. Diesen Einwürfen begegneten die Herren <ielieiruiatli Prof, Hr. Müller-Breslau, Baurat Cramer, Hauptmann v. Tschudi und der Vortragende in erschöpfender und überzeugender Weise. Grade die Verschiedenheiten der oben erwähnten Wirkungen solle ja der Apparat untersuchen. Man müsse von demselben auch nicht alles auf einmal erwarten. Die Prämiierung sei erfolgt, obgleich die Ein-

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wände von Dr. Steffen, die nichts Neues enthielten, gewürdigt worden wären. Gegenüber der gänzlichen Unwissenheit, in der wir uns bisher in den elementarsten Fragen des Winddtucks befinden, seien die prämiierten Erfindungen und unter ihnen der heute vorgeführte Apparat, die auf Grund einwandfreier, richtiger Prinzipien geschaffen sind, wohl imstande, hei Ergründung der komplizierten Gesetze des Winddrucks werlvolle und zuverlässige Hilfe zu leisten. Dali dem so sei und nicht bloß theoretische Erwartungen auf von den Apparaten zu hottenden Nutzen besteben, haben auf der Seewarte mit dem Reißner-Fueßschen Apparate angestellte Versuche bereits erwiesen. Jedenfalls sei nun die Methode der Messung des Winddrucks gefunden, das Weitere werde sich ergeben. Namentlich werde für den Hauingenieur sich voraussichtlich bald das Dunkel lichten, in dem man jetzt bei der Anlage von Schornsteinen und anderen hohen Hauwerken tappe, auch für die Luftschiffahrt stehen wichtige Ermittelungen zu erwarten. Dr. ing. H. Reißner legte noch besonderen Wert darauf, zu erklären, daß er bei der Konstruktion seines Apparates das von Geheimrat Müller-Breslau zuerst angegebene Verfahren, die Wirkung eines unbekannten räumlichen Kräftesystems (Erddruck. Winddruck usw.i mit Hilfe der Längenänderungen von sechs den Körper stützenden Stäben zu messen, benutzt habe.

Der Vorsitzende Geheimrai Btisley verbreitete sich auf Befragen noch über die Möglichkeit, auch die Schiffsinodellschleppversuche nach derobigen Methode zu verfeinern.

Leber die letzten Vereinsfahrten berichtete Oberleutnant George. Es haben ihrer seit letzter Versammlung t) stattgefunden, nämlich am 29. April, Teilnehmer Dr. Bröekel-mann. Herr Christmann und Herr Krause; am 7. Mai, Teilnehmer Oberleutnant von Bnissere, Hauptmann Engel, Fabrikbesitzer Wunsch, Apotheker Platt; am IT». Mai, Teilnehmer Oberleutnant von Stephany, Leutnants Mörle-Heinisch und Vopelius: am 17. Mai, Teilnehmer Leutnant von Ochs. Oberleutnant von Rabenau, Leutnants von Lantz und von Etzdorff; am 21. Mai, Teilnehmer Hauptmann von Kehler und Rechtsanwalt Schmilinsky: an demselben Tage, Teilnehmer Leutnants von Hadeln. Gustav von Radeln und Graf von Schlitz, genannt von Görtz; am 27. Mai, Teilnehmer Leutnants Großmann, Soller und Pieper; am 30. Mai, Teilnehmer Leutnant von Frankenberg, Oberleutnant Treichel und Leutnant Knetsch; am 7. Juni, Teilnehmer Leutnants von Brandenstein, von Auer, von Hirschfeld und von llollhoff. Iber einzelne dieser Fahrten wurde durch Teilnehmer daran berichtet, wie folgt: Die Auffahrt vom 2t>. April erfolgte bei sehr schlechtem Wetter am Erdboden. Als man bei 1200 m endlich Uber die Regenwolken gekommen war, sah man sich unterhalb eines mächtigen Girrusgewölkes, das bei .'5l)0O m erreicht war, wo sich die Luft in ungewöhnlicher Dichtheit mit glitzerndem Fiskristallen erfüllt zeigte, die bis zur höchsten erreichten Höhe von 34O0 m unvermindert anhielten. In geringere Höhe herabgestiegen, blieb der Ballon 1 Stunden lang oberhalb des über der Erde lagernden Regengewölks. Der Abstieg erfolgte 10 km von der Bahnstation Wutschdorf im Kreise Sehwiebus. Die Fahrt am 7. Mai endete 41 km von Berlin bei Zcrperschleuse. Am 27. Mai erfolgte der Aufstieg bei gutem Wetter mittags 12 L'hr. Es wehte ein nicht sehr starker SSO-Wind, der in der schnell erreichten höchsten Erhebung von H500 m bereits so schwach war, daß man auf 1100 m herabging; doch auch hier bemerkte man bald, daß der Ballon nahezu stillstand. Erst (i- —700 m tiefer wurde wieder Wind in nordnordwestlicher Richtung angetroffen und zur Fahrt bis 7 L'hr abends benutzt, wo der Abstieg in der Nähe von Wilsnack an der Hamburger Bahn erfolgte. Die Luftschiffer wurden nach Bergung des Ballons durch liebenswürdige Veranstaltung von Frau von Putlitz in deren Equipage zur nächsten Bahnstation befördert. Die Fahrten am ll> und 17. Mai endigten ostlich Raulen bei Rudnow. die beiden Fahrten vom 21. Mai bei Werneuchen und bei Friesak. die vom :H0. bei Stendal. Bei der letzten Fahrt am 7. Juni hielt sich der Ballon bei sehr mäßigem Winde anfangs in einer llötie von nur l>U0 m. Als der Ballon, ungefähr 20 km von Berlin, über eine große Seenplatte fuhr, lud er jäh, erhob sich aber nach gehörigem Auswerfen von Ballast bis 2-luO ru. Als man bald darauf sich zum Abstiege rüstete, ergab sich ein so schwacher Wind an der Erdober-

ilächo. daß man lungere Zeil nicht über einen Wahl hinwegkommen konnte und deshalb nochmals 1000 m hoch ging. Ks war jetzt nur so wenig Ballast noch übrig, daß man. starkes Fallen in der Nahe eines großen Sees bemerkend, vorzog, die Reißleine zu ziehen und in einein Roggenfelde sanft zu landen. Man befand sieh in der Nähe von Cottbus. Stellenweise war der Wind so außergewöhnlich schwach gewesen, daß man sich durch Fallenlassen einer leeren Flasche auf einen Anger überzeugte, daß der Ballon fast regungslos längere Zeit über diesem Funkle verharrte, her Führer des Ballons war sich wohl bewußt, daß das Fallenlassen von Gegenständen, besonders von (ilasflasehen. in der Fahrordnung verboten ist: er glaubte sich hier eine Ausnahme gestalten zu können, da das Terrain genau zu übersehen und irgend ein Schaden durch das Fallenlassen einer Flasche ausgeschlossen war. — Zum Schluß teilte Hauptmann von Tschudi mit. daß er an dem Internationalen Luftseliiflcrkongreß in St. Louis teilnehmen werde. A. F.

Patent- und (Jebrauchsniustcrschau in der Luftschiffahrt.

F. r t e i 11 e Patent e in der Zeit vom IL April bis 12. .luli 1904. IL It. I*. 151 5H4. Steuervorrichtung für lenkbare Luftballon». Antonio Charles Mary,

Nenilly. Patentiert vom 21 August 1002. Aktenzeichen M. 22539. 1). K. F. 1 öl 705. Rrachenkreisel. Carl du Beliier und .1 oh. Thonia in Seit. Patentiert

vom 23. Mai 1903. Aktenzeichen X. HI9K9. 1>. R. F. 153027. Flugvorrichtung. Rene de Saiissure, Genf". Patentiert vom 21. September 1003. Aktenzeichen S. 185i"3.

Ausgelegte Patentanmeldungen in der Zeit vorn 14. April bis 12. Juli 1004. H. 30901). Flügelwciidcvorrichtiing mit Planetengel riebe. Hugo llückel, Neutilscliciu

{Mähren). Ausgelegt IM. Mai 1901. Angemeldet 10. Juli 11)03. R. 17487. Verfahren um Flugniaschirien durch Verstellen der Tragllächen in der Gleichgewichtslage zu erhalten und ohne Steuer lenkbar zu machen. Fritz Kobitzsch, Mörchlniren. Ausgelegt 10. Mai 1004 Angemeldet 20. November 1002. W. 20354. Luftfahrzeug mit mehreren gleichmäßig verteilten Steuern. L. II. de Waiden, London und II. Knudsen, Boston. Ausgelegt 30. Mai 1904. Angemeldet 12. März 1!«»4.

Gelöschte Patente. D. R. F. 13972"». Flugvorriehlung. Emil Lehmann. Berlin.

D. R. F. 1495S6. Antlugvorrichtung für Flugmaschinen. Emil Lehmann, Berlin.

F. i n g e t r a g e n e G e b r a u c h s in u s t e r.

1). R. G. M. 222919. Drachensegel zum Kreuzen mit mehreren Lenk- und Zugschiiiiren und einem am Segelkörper befestigten Balken. II. Bruns, Leer (Friesland i. Angemeldet 8. Dezember HH)3. Aktenzeichen Ii. 23(550.

I). R. G. M. 224 083. Aus einem federnden Bügel und zwischen dessen Enden angeordneter Rolle mit Kurbel bestehende Vorrichtung zum Nachlassen und Aufwinden der Schnur beim Steigenlassen von Drachen. Wilhelm Berjrcr, Lcipzle-Schleusslsr. Angemeldet 9. Dezember 1903. Aktenzeichen B. 23(551.

1). R. G. M. 224 814. Anhänger beliebiger Form an Kinderluftballons aller Art (Fesselballon). Adolf Weber, Wiesbaden. Angemeldet 13. April 1904. Aktenzeichen W. 16 328.

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Die Redaktion.


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